Rückreise nach zwei Jahren in eine ungewisse Zukunft
Familie Bekjiri muss gehen

Lüdinghausen -

Die Franziskanerschwester Angeline aus Lüdinghausen wird die Familie Bekjiri mit vier Kindern weiterhin unterstützen; alle müssen jetzt zurück nach Mazedonien. Schwester Angeline bittet die Bürger um Unterstützung.

Donnerstag, 26.10.2017, 11:00 Uhr

Mit Schwester Angeline feierte die Familie Abschied (v.l.): Mirsad Bekjiri, Schwester Angeline, Fisnike (9), Ekuran (12), Sara (7), Daniela Bons (Betriebswirtin bei den Franziskaner-Schwestern), Zimbile Bekjini und vorne Aziz (14), der das Selfie macht.
Mit Schwester Angeline feierte die Familie Abschied (v.l.): Mirsad Bekjiri, Schwester Angeline, Fisnike (9), Ekuran (12), Sara (7), Daniela Bons (Betriebswirtin bei den Franziskaner-Schwestern), Zimbile Bekjini und vorne Aziz (14), der das Selfie macht. Foto: Privat

Sie müssen zurück. Das wissen sie. Und sie haben sich damit abgefunden. Als Schwester Angeline vom Provinzialat der Franziskanerinnen an der Klosterstraße versucht, ihnen Mut zu machen, füllen sich die Augen von Zimbile Bekjiri (35) mit Tränen.

Im Juni 2015 ist die Familie mit ihren Kindern Aziz (heute 14), Ekuran (12), Fisnike (9) und Sara (7) aus Mazedonien nach Deutschland gekommen. Ein Pfarrer, erzählt Mirsad Bekjiri, Vater der vier Kinder, habe sie nach kriminellen Gewalttaten auf ihn und seinen jüngeren Sohn unterstützt. In einem Zelt hätten sie gelebt. „Versucht in Deutschland Euer Glück“, habe er gesagt. Mit einem Bulli sind sie zunächst in Karlsruhe angekommen; dort beantragte die Familie Asyl und kam schließlich nach Lüdinghausen – weil Zimbile Bekjiri schon als Kind, im Alter zwischen acht und 13 Jahren, in Lüdinghausen zu Hause war. Auch damals wurde sie mit ihrer Familie abgeschoben. „Genau wie ich jetzt“, sagt der 14-jährige Aziz. Er sagt es nicht böse oder verzweifelt, sondern ganz sachlich, ja, freundlich.

Warum hat seine Mutter – jetzt mit ihren eigenen Kindern – noch einmal versucht, in Deutschland Fuß zu fassen, wohl wissend, dass die Chance, hierzubleiben sehr gering ist? „Man hofft“, sagt sie leise – und traurig.

Zimbile Bekjiri spricht fließend Deutsch. Sie hat die Sprache nicht vergessen – und sie in den vergangenen zweieinhalb Jahren verfeinert. Auch ihr Mann Mirsad beherrscht Deutsch gut. Verständigungsschwierigkeiten gibt es keine. Kurse hat er nicht besucht, sondern mit seiner Familie und Freunden die fremde Sprache gelernt. Stolz zeigt er ein Foto, das ihn und seinen Sohn Ekuran zusammen mit ganz vielen fröhlichen Mitgliedern des Vereins Pétanque-Freunde Marl-Lüdinghausen zeigt. Dort spielen beide Boule. Ekuran ist sogar Jugendmeister in NRW geworden. Er war mit dem Verein in Belgien, in Düsseldorf, in Essen.

Die Kinder sprechen alle fließend die Sprache des Landes, in dem sie so gerne bleiben würden. Doch Mazedonien gilt als sicheres Herkunftsland, ihr Asylantrag wurde abgelehnt. Aziz geht in die neunte Klasse der Gemeinschaftshauptschule, Ekuran in die sechste der Sekundarschule. Die beiden Mädchen besuchen die Ostwallschule: Fisnike die zweite Klasse, Sara die erste – bis sie in einigen Tagen, der genaue Termin stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest, nach Mazedonien zurückfahren müssen.

Sie können sich aussuchen, ob sie mit dem Bus oder im Flugzeug zurück wollen.

Schwester Angeline

Heute (26. Juni) hat die Familie einen Termin in Coesfeld, da geht es auch um die Fahrkarten. Schwester Angeline weiß: „Sie können sich aussuchen, ob sie mit dem Bus oder im Flugzeug zurück wollen.“ Alle plädieren an diesem regnerischen, fiesen Morgen für den Bus, vorm Fliegen haben sie alle Angst. Die Stimmung ist in diesem Moment, als es darum geht, wie wahrscheinlich ein Flugzeugabschurz denn eigentlich so ist, gelöst. An die Reise ins Ungewisse und in den Winter denkt in diesem Augenblick niemand.

Neben Schwester Angeline ist auch Daniela Bons, die bei den Franziskanerinnen in Lüdinghausen als Betriebswirtin arbeitet, zu Gast. Ihr geht das Schicksal der Familie genauso nahe. Beide kümmern sich um die sechs Familienmitglieder. Schwester Angeline kannte Zimbile Bekjiri schon als Kind, hat sie und ihre Ursprungsfamilie schon in den 90er Jahren in Lüdinghausen unterstützt, wo es ging. Zur heutigen Familie sagt sie: „Ich schätze sie sehr.“ Die Familie sei toll. „Die Kinder sind gut erzogen.“ Die Schwester erinnert die Eltern – jetzt mit sehr ernstem Ton – daran, den Termin in Coesfeld nicht zu vergessen.

Bodenbelag aus Lehm

Was Schwester Angeline und auch Daniela Bons wohl trösten dürfte, ist die Tatsache, dass sie dem Ehepaar und den vier Kindern in Mazedonien weiter helfen können. Ein Onkel, erzählt die Franziskanerin, habe ein Haus zur Verfügung gestellt. Mirsad Bekjiri zeigt ein Foto. Das Gebäude sieht ganz ansehnlich aus, der Himmel darüber ist blau. Sie hätten aber erfahren, so Schwester Angeline, dass das Haus renoviert werden müsse. Der Bodenbelag bestehe aus Lehm, im Keller stehe Wasser. Auch Dachrinnen gebe es nicht. Für 1500 Euro, habe man versichert, seien die erforderlichen Arbeiten, um das Haus bewohnbar zu machen, zu erledigen. Möbel seien darin noch nicht enthalten. Sie bittet die Lüdinghauser und Seppenrader und alle anderen, die das Schicksal der Familie berührt, zu spenden.

Ich möchte noch mal Danke sagen, für all das, was Ihr für uns getan habt.

Aziz Bekjiri (14)

Die beiden Frauen setzen auf die Hilfsbereitschaft der Bürger – und beide machen an diesem Oktobermorgen vor allem auch den vier Kindern noch einmal Mut. „Ihr müsst so gut in der Schule lernen, wie Ihr eben könnt und dann eine Ausbildung machen.“ Dieser Appell kommt nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass es in Deutschland bald eine Jamaika-Koalition geben könnte und damit höchstwahrscheinlich auch ein Einwanderungsgesetz, das es gut ausgebildeten Menschen ermöglicht, ganz legal nach Deutschland zu kommen, hier zu arbeiten und zu leben, ohne dass sie asylberechtigt sind.

Es ist der 14-jährige Aziz, der in einer Gesprächspause das Wort ergreift: „Ich möchte noch mal Danke sagen, für all das, was Ihr für uns getan habt“, sagt er. Der fremde Besucher merkt, dass nicht nur zwischen den Erwachsenen, sondern auch den Kindern und Schwester Angeline sowie Daniela Bons eine enge Verbindung entstanden ist.

 

Zum Thema

Wer die Familie Bekjiri unterstützen möchte, kann eine Spende auf das Konto des Provinzialat der Franziskanerinnen bei der Sparkasse Westmünsterland unter dem Stichwort Familie Bekjiri überweisen. Nummer: DE42 4015 4530 0000 0044 40

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