Gefährliche Körperverletzung
Auf Vater eingestochen: Bewährungsstrafe für 48-jährige Münsteranerin

Münster -

Eine 48-jährige Frau muss nicht ins Gefängnis, obwohl sie versucht hat, ihren Vater zu töten. Das Landgericht verurteilte die Münsteranerin zu einer Bewährungsstrafe.

Dienstag, 24.10.2017, 14:17 Uhr

Gefährliche Körperverletzung: Auf Vater eingestochen: Bewährungsstrafe für 48-jährige Münsteranerin
Die Angeklagte (r.) an der Seite ihrer Anwältin Regine Thoden. Foto: Stefan Werding

Es ist der 10. April, als der Münsteranerin die Sicherungen durchbrennen. Seit ihr Vater einen Schlaganfall hatte, kümmert sie sich mit ihrer Schwester um den leicht dementen, 83-jährigen Mann. Vor ihrem Vollzeit-Job besucht sie ihn zu Hause, weckt und duscht ihn, tagsüber holt sie seine Medikamente, abends spielt sie mit ihm mit einem Gymnastikball, isst mit ihm und schaut mit ihm fern, „damit er sich nicht so alleine fühlt“.

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Vergeblicher Suizidversuch

Die Arbeit ist nur noch Stress, ständig fühlt sie sich überfordert. Zusätzlich erfährt sie, dass sie in eine neue Abteilung soll. Die Alleinstehende ist depressiv. Ihr fehlt es an Selbstbewusstsein, sie schläft schlecht, grübelt und kann sich nur noch so schlecht konzentrieren, dass ihr Chef ihr Notizen macht, damit sie ihre Arbeit erledigt bekommt. Eine Gutachterin wird später feststellen, dass die 48-Jährige zu dem Zeitpunkt eine schwere depressive Episode durchmacht.

Bei einem Spaziergang und mehreren Zigaretten entschließt sich die Frau, ihren geliebten Vater zu töten, „um ihm Böses zu ersparen“. Deswegen wird sie am Dienstag wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt. Die Angeklagte ist zu dem Zeitpunkt überzeugt, dass alles, was noch kommt, nur noch schlimmer wird, und dass ihr Vater im Altenheim „vor sich hinsiechen“ wird. Sie beschließt, erst ihn und dann sich zu töten, um ihm das zu ersparen. „Sie sah keinen Ausweg mehr“, sagt die Richterin, als sie am Dienstag im Landgericht in Münster ihr Urteil begründet.

„Schleichende Überforderung"

Schon länger plant die 48-jährige Angestellte, sich das Leben zu nehmen. Sie legt den schon länger formulierten Abschiedsbrief in ihrer Wohnung so parat, dass ihn ihre Familie entdecken muss. „Ich sehe für mich keinen anderen Ausweg. Ich bin für die heutige Zeit zu schwach. Wenn die kleinste Schwierigkeit kommen sollte, ich wüsste nicht weiter damit umzugehen“, heißt steht darin.

Dann sorgt sie für Tatsachen, die viel mehr als nur „kleine Schwierigkeiten“ machen. Sie greift nach dem größten Messer in ihrer Küche. Damit geht sie in die Wohnung ihres Vaters und sticht auf den schon schlafenden Vater ein. Erst als der alte Mann aufwacht und sich gegen die Angriffe wehrt, lässt sie von ihm ab. Anschließend versucht sie, sich selbst das Messer in die Brust zu stoßen. Weil das nicht klappt, schneidet sie sich die Pulsadern an beiden Unterarmen auf.

Als sie danach ihren Vater im Flur wiedersieht, bekommt sie Mitleid mit ihm und ruft den Notruf. Der Senior kommt mit mehreren oberflächlichen, aber nicht lebensbedrohlichen Verletzungen davon. Während des Prozesses wird er sagen, dass er ihr verzeiht. Die Anwältin Regine Thoden bezeichnet den Fall als ein Beispiel für ein gesellschaftliches Problem. „Schleichende Überforderung hat zu dieser Tat geführt,“ sagte sie.

„Das kann jeden treffen.“ Ihre Mandantin muss sich jetzt in einer psychiatrischen Klinik behandeln lassen. Sollte sie gegen den Willen der Ärzte das Krankenhaus verlassen, muss sie ins Gefängnis. Dass sie so schnell einen Platz in der Klinik des Landschaftsverbands in Münster bekommen hat und ihr so die U-Haft erspart blieb, sei ein großer Glücksfall, gab ihr die Richterin mit auf den Weg. Und: „Die Ärztin, die Ihnen das ermöglicht hat, hat sich den Himmel verdient.“

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