Wege aus der Sucht
Spielsucht als Flucht aus dem Alltag - Huesejn Karic erinnert sich

Ahlen -

Früher war er selbst spielsüchtig, heute zeigt er Wege aus der Sucht heraus und engagiert sich in einschlägigen Gruppen. Huesejn Karic erinnert sich noch gut, wie er anfing, regelmäßig zu zocken. Und welche Probleme das nach sich zog.

Dienstag, 24.10.2017, 08:49 Uhr

Wege aus der Sucht : Spielsucht als Flucht aus dem Alltag - Huesejn Karic erinnert sich
(Symbolbild) Foto: dpa

 Er hat es geschafft. Huesejn Karic hat die Spielsucht besiegt. „Es ist wie bei einem trockenen Alkoholiker, ein Rückfall ist nie weit weg“, sagt der heute 68-Jährige immer noch. Dabei ist er kurz nach der Therapie gegen Spielsucht in Bad Fredeburg vor über sechs Jahren nur um Haaresbreite einem solchen Rückfall entgangen.

„Ich wollte Getränke holen, parke das Auto und gehe in Gedanken in das Spielzentrum daneben“, erinnert sich Huesejn Karic mit Grausen. Erst als er in dem Spielladen steht, fällt ihm auf, wo er eigentlich ist. „Da gab es nur noch eines – Beine in die Hand und raus“, berichtet der gebürtige Bosnier. Zurück im Auto musste er erst mal überlegen, was da gerade mit ihm passiert ist. „Mein Herz raste und ich war weiß wie die Wand“, fasst er den Horror zusammen, der ihn heftig angefallen hatte.

Der hatte schon viele Jahre vorher begonnen. Als Huesejn Karic 1970 nach Deutschland kam, war zunächst alles gut. Er hatte Arbeit auf dem Bau und nette Kollegen beim Bau der Uni in Göttingen. Drei Jahre später führte ihn der Weg nach Ahlen, zunächst nur zu Besuch. „Hier lebten unglaublich viele Leute, die ich aus meiner Heimat nahe Tuzla kannte“, erzählt der gelernte Schreiner und Pol­sterer.

Diese Ausbildung kam ihm bei der Arbeitsplatzsuche zugute. Comforto baute damals die ersten Bürostühle und hier fand Huesejn Karic eine Arbeit bis zur Rente. Er wurde auch Betriebsrat und Ansprechpartner für viele Landsleute und Behörden. Denn es kam die Zeit der Balkankriege. „Ich dolmetschte und half, wo ich konnte“, führt er aus. Doch dann wurde es zu viel.

Der Auslöser

Beim Pommes holen vor rund 30 Jahren passierte es. Zwei Mark wanderten aus Langeweile in den Spielautomaten in der Frittenbude. Schnell signalisierte die Klingel einen Gewinn. Über 180 Mark kollerten aus der Maschine. Nun fand Huesejn Karic immer öfter Ruhe und Ablenkung beim Automatenspiel. „Da war ich für mich, keiner konnte mich erreichen“, stellt er im Rückblick fest.

Trotzdem sorgte er noch ordentlich für Frau und Kinder. „Das war immer im grünen Bereich. Nur sparen, das ging eben nicht“, betont der 68-Jährige. In Bosnien baute er ein Haus. Doch das Projekt trat jahrelang auf der Stelle. „Alles Geld, das nicht zum Leben gebraucht wurde, wanderte in den Automaten.“ Dabei stand für ihn nie der Gewinn im Vordergrund. Ruhe und weg zu sein, waren die Punkte. „Ich hätte besser geangelt“, grinst er heute.

Da gab es nur noch eines – Beine in die Hand und raus.

Huesejn Karic

Der Ruhestand kam auf ihn zu. Mehr Zeit und weniger Geld. Karic wusste, für ihn ist das eine ganz schlechte Mischung. „Ich trommelte die Familie zusammen und erklärte ihr meinen Therapieentschluss“, so der Familienvater. Es folgten zwischen den Jahren 2011 und 2012 insgesamt 14 Wochen Therapie. Eine harte Zeit.

"Der einzige Weg"

„Als ich in der Lottoannahmestelle Zigaretten holte, sah mich ein Therapeut“, schmunzelt er. Danach hieß es für den Ex-Zocker, gleich mal zur Therapieleitung zitiert zu werden und eine Befragung dazu über sich ergehen lassen zu müssen. „Es war der einzige Weg, ich habe ganz viel gelernt und lerne noch immer“, betont der „trockene“ Spieler.

Heute leitet Huesejn Karic im Wechsel mit dem Caritas-Quadro-Team die Selbsthilfegruppe gegen Spielsucht. Sein neues Anliegen ist es, die Angehörigen von Spielsüchtigen in die Gruppe zu bekommen. „Denn sie sind nicht weniger betroffen und brauchen auch Hilfe“, resümiert der agile Helfer.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5243184?categorypath=%2F2%2F62%2F798625%2F819239%2F
Nachrichten-Ticker