Insektenschwund: Experte im Interview
„Die Folgen sind kaum absehbar“

Tecklenburger Land -

Robert Tüllinghoff ist Mitarbeiter der Biologischen Station im Kreis Steinfurt. Im Interview äußert er sich zu den Ergebnissen einer Studie, die besagt, dass der Insektenbestand in Deutschland dramatisch geschrumpft ist.

Dienstag, 24.10.2017, 05:52 Uhr aktualisiert: 24.10.2017, 06:57 Uhr
Insektenschwund: Experte im Interview: „Die Folgen sind kaum absehbar“
Foto: dpa (Symbolbild)

Laut einer vor Kurzem veröffentlichten Studie ist der Insektenbestand in Deutschland seit 1989 um über drei Viertel geschrumpft. Über die Folgen und Ursachen des großen Sterbens von Schmetterlingen, Fliegen, Käfern und Mücken sprach WN-Redakteurin Katja Niemeyer mit Robert Tüllinghoff von der Biologischen Station des Kreises Steinfurt.

Das Gefühl, das viele schon lange haben, scheint jetzt belegt zu sein: Die Zahl der Insekten schrumpft massiv. Laut einer großen Studie beläuft sich der Rückgang auf 76 Prozent.

Tüllinghoff: Ob es nun 76 Prozent sind oder vielleicht 50 Prozent – die Zahlen sind auf jeden Fall alarmierend. Denn ein Rückgang ist damit eindeutig belegt.

Die Studie hat 63 Orte im gesamten Bundesgebiet – allesamt Naturschutzgebiete – untersucht. Das Tecklenburger Land war nicht darunter. Wie schätzen Sie die Situation vor Ort ein?

Tüllinghoff: Ob die Zahl der fliegenden Insekten auch in dieser Region derart dramatisch abgenommen hat, kann ich nicht sagen, weil wir dies nicht untersucht haben. Aufgrund meiner eigenen Beobachtungen liegt der Schluss aber nahe. So muss ich im Sommer nur auf die Windschutzscheibe meines inzwischen über 20 Jahre alten Bullis blicken. Anders als in den letzten Jahren war die früher immer übersät mit toten Insekten. Erst in diesem Jahr musste ich die Scheibe mal wieder von Insekten befreien. Aber auch Schmetterlinge sieht man immer weniger, teils gar nicht mehr.

Gibt es noch weitere Hinweise?

Tüllinghoff: Im vergangenen Jahr habe ich beobachtet, wie Blau- und Kohlmeisen Fliegen an ihre Jungen verfüttern. Das ist sehr untypisch für die Art. Für gewöhnlich ernähren sie ihren Nachwuchs mit kleinen, grünen Raupen. Unterm Strich gehe ich also davon aus, dass sich die Ergebnisse der Studie weitgehend auf das Tecklenburger Land übertragen lassen.

Welche Auswirkungen hat das Massensterben der Insekten?

Tüllinghoff: Die Folgen sind kaum absehbar. Klar ist, dass sehr viele wild wachsende Pflanzen von Insekten bestäubt werden. Bleiben die Insekten weg, können sich auch die Pflanzen nicht mehr vermehren. Darüber hinaus sind sie bedroht, weil die ökologische Schädlingsbekämpfung nicht mehr funktioniert. So parasitieren Schwebfliegen zum Beispiel die Blattläuse. Schrumpft der Bestand dieser Fliegen sterben Pflanzen.

. . . es sei denn sie werden mit chemischen Mitteln bekämpft. Inwieweit ist auch die gesamte Tierwelt von dem Insektenschwund betroffen?

Tüllinghoff: Die Insekten sind eine wichtige Nahrungsquelle für viele Vogelarten. Insofern könnte auch hier die Artenvielfalt abnehmen.

Was macht den Insekten das Überleben so schwer?

Tüllinghoff: Was die genauen Ursachen sind, ist schwer zu sagen. Ein Faktor ist aber sicherlich, dass viele kleine und mittlere landwirtschaftliche Betriebe aufgegeben haben. Früher gab es kleinteilige Ackerflächen mit blühenden Randstreifen – Rückzugsort für unzählige Insekten. Bei den heutigen großen Flächen fehlen diese schlichtweg. Auch der Einsatz von Herbiziden und Insektiziden wirkt sich negativ auf die Population aus. So ist die Wirkung bei zahlreichen Mitteln bis heute fraglich. In diesem Punkt sind vor allem die herstellenden Firmen und die Kontrollbehörden gefragt.

Spielen auch klimatische Bedingungen eine Rolle?

Tüllinghoff: Extreme Wetterlagen wie Starkregen, Trockenheit und Kälte setzen den Insekten natürlich auch zu.

Was kann jeder Einzelne gegen den Schwund der Insekten tun?

Tüllinghoff: . . . zum Beispiel heimische Pflanzen wie Wildstauden pflanzen – ganz gleich, ob auf dem Balkon oder im Garten. Sie sind ideale Lebensräume für Insekten. Hilfreich wäre auch, wenn Städte und Gemeinden sowie Landwirte ihre Randstreifen an den Wegen und Gräben erst im Herbst mähen, damit sie Insekten länger als Rückzugsort zur Verfügung stehen.

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