112 unerreichbar
Funkloch - Nottulner wäre nach Unfall fast verblutet

Nottuln -

Hans-Peter Schäpers ist nur gestolpert. Doch der 66-Jährige fiel Ende September so unglücklich auf einen Fahrradständer, dass er sich schwer verletzte und viel Blut verlor. Ein Funkloch wurde ihm fast zum Verhängnis: Seine Freunde konnten lange keine Hilfe holen.

Dienstag, 24.10.2017, 10:30 Uhr

Weit ab vom Schuss hatte Hans-Peter Schäpers einen schweren Unfall. Als ihm seine Freunde helfen wollten, kamen sie nicht zur 112 durch.
Weit ab vom Schuss hatte Hans-Peter Schäpers einen schweren Unfall. Als ihm seine Freunde helfen wollten, kamen sie nicht zur 112 durch. Foto: Gunnar A. Pier

Es ist stockdunkel, als sich Hans-Peter Schäpers in Nottuln von seinem Auto zum Probenraum tastet. Er hat gerade seinen Verstärker und seine Gitarre eingepackt und will noch ein paar Kleinigkeiten holen. Bis eben hat er mit den „RockNotts“ im Keller eines Restaurants geprobt. Es liegt weit ab vom Schuss. Nottuln ist mit dem Auto 4,5 Kilometer entfernt, Billerbeck 8,5 Kilometer. Gleich wird Schäpers am eigenen Leib spüren, wie weit ab vom Schuss.

Er übersieht einen Fahrradständer, fällt und bricht sich sieben Rippen. Die gebrochenen Knochen zerreißen seine Milz. „Ich lag auf Leben und Tod“, sagt der 66-Jährige vier Wochen später. Er verliert vier Liter Blut, wird bei drei anschließenden OPs noch 20 Liter Blut ausgetauscht bekommen. Um die zehn Tage liegt er im Koma. „Wenn ich da nicht hochgekommen wäre, wäre ich dort gestorben“, sagt er heute. Zwar rappelt er sich hoch, doch dann taucht ein neues Problem auf: Seine Bandkollegen bekommen mit ihren Telefonen keinen Empfang, schaffen es nicht, einen Notruf abzusetzen.

Verwirrung nach dem Sturz

Der Rhythmusgitarrist steht unter Schock, kann keine Fragen beantworten. „Wir dachten erst, dass er einen Kreislaufkollaps hat“, berichtet Bandleader Ulrich Wirostek. Erst als der Verletzte zu Verstehen gibt, dass er gefallen ist, wird klar, was passiert ist.

Funkloch

Der Versuch, schnell Hilfe zu holen, scheitert. „Man kann von dort aus mit dem Smartphone keine Hilfskräfte erreichen“, sagt Wirostek über den Unfall am 20. September gegen 22 Uhr. Erst nach fünf bis acht Minuten, so schätzt er, gelingt es dem Bassisten, über das O2-Netz, die 112 zu erreichen.

Netzbetreiber sind verwundert

Experten sind skeptisch: Vodafone überprüft auf Anfrage die Lage vor Ort. Ergebnis: „Wir haben dort ein stabiles GSM- und UMTS-Netz. Unser Mobilfunknetz stand zu der Zeit in diesem Bereich sehr stabil zur Verfügung. Wir können nicht nachvollziehen, wieso von dieser Adresse aus ein Notruf an die 112 nicht bei der Rettungsleitstelle angekommen sein soll – am Vodafone-Netz lag es jedenfalls nicht.“

Hinzu kommt: Die Telefongesellschaften müssen laut Bundesnetzagentur Notrufe auf das stärkste Netz vor Ort umleiten. Immer das stärkste Netz leitet den Notruf also an die 112 weiter.

Später hatten alle Empfang

Auch bei einem Fototermin für diesen Bericht vier Wochen später zeigen alle Handys der Beteiligten Empfang. Und Funklöcher haben nicht die Angewohnheit, hin- und herzuwandern.

Konkurrenten teilen sich Funkmasten

Jede der drei Telefongesellschaften in Deutschland betreibt ihr eigenes Netz. Manchmal teilen sie sich zwar einen Sendemasten mit der Konkurrenz, oft verwenden sie dafür ihre eigenen. Einzelne Gebiete sind so anders versorgt als andere. Darum passiert es, dass Kunden der einen Gesellschaft telefonieren können, wo andere keinen Empfang haben.

Münsterland ist gut versorgt

Das Münsterland ist Vodafone zufolge außerhalb von Häusern zu 99,7 Prozent mit einem Mobilfunknetz abgedeckt – besser als der Bundesdurchschnitt mit 99,4 Prozent. Die Telefongesellschaft hat nach eigenen Angaben bislang im Münsterland 80 Millionen Euro in den Ausbau des Mobilfunknetzes gesteckt. Zurzeit gebe es 375 Sendestationen. Auch Konkurrent Telekom betont, wie gut dessen Netz gerade den ländlichen Raum abdeckt und dass es dafür noch bessere Noten bekomme als seine Wettbewerber.

Inzwischen hat sich Schäpers von seinem Unfall erholt. Er braucht noch eine Krücke, auch das Gitarrespielen fällt ihm noch schwer. Warum aber seine Freunde keine Hilfe rufen konnten, das wird ein Rätsel bleiben.

Was tun bei einem Funkloch?

Was tun, wenn Sie in einem Funkloch Hilfe rufen wollen?

► Stellen Sie sicher, dass Sie die 112 wählen, wenn jemand verletzt ist. Nur bei der 112 übernimmt das stärkste Netz den Anruf, unabhängig davon, welchen Vertrag der Anrufer mit wem hat. Das ist der Grund, dass Telefone manchmal „Nur Notruf möglich“ anzeigen. Bei der 110 gilt das nicht.

► Wenn das nicht hilft: Kurz mit dem Auto oder Fahrrad in eine beliebige Richtung fahren. Umstehende im Notfall um Hilfe bitten, während man bei dem Verletzten bleibt.

► Vielleicht verhindert ein Hindernis den Empfang („Funkschatten“). Dann können schon ein paar Schritte helfen. </p><p>Betonwände oder Wälder meiden, höheren Standort wählen. (werd)

...
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5243275?categorypath=%2F2%2F62%2F798625%2F819239%2F
Nachrichten-Ticker