Schaustellerseelsorger Sascha Ellinghaus
Gottesdienste im Autoscooter und Taufen in der Manege

Warendorf -

Verblüffte Gesichter sieht Sascha Ellinghaus regelmäßig. Wenn der katholische Pfarrer seinen Gottesdienst beginnt, werden die Handys zum Mitfilmen gezückt. Denn sein Altar steht im Zirkuszelt, auf dem Oktoberfest oder - wie zuletzt auf dem Fettmarkt in Warendorf - im Autoscooter.

Sonntag, 22.10.2017, 16:05 Uhr

Gottesdienst im Autoscooter:Für Sascha Ellinghaus schon lange eine ganz normale und gewohnte Kulisse.
Gottesdienst im Autoscooter:Für Sascha Ellinghaus schon lange eine ganz normale und gewohnte Kulisse. Foto: Wilfried Gerharz

Die Gesichtszüge des Mannes, der mit einer Schulter gegen einen Pfeiler des Autoscooters lehnt, sind schwer zu lesen. Fragt er sich, was da los ist im Fahrgeschäft, auf dessen Plattform gerade ein Mann im liturgischen Gewand das Kreuz auf einem Altar zurechtrückt? Oder geht er davon aus, dass die Kirche das strahlende Oktoberwetter nutzt, um mit der Gemeinde draußen auf der Fettmarktkirmes in Warendorf einen Gottesdienst zu feiern? Der Mann nimmt einen letzten tiefen Zug aus seiner Zigarette, drückt sie mit seiner Schuhsohle aus und nestelt sein Handy aus der Hosentasche. Die Szene muss augenblicklich gefilmt werden – sonst glaubt ihm hinterher doch keiner, was er gerade erlebt hat.

Sascha Ellinghaus hat schon so oft in verblüffte Gesichter geblickt, dass sie ihm kaum mehr als Besonderheit auffallen. Der 45-Jährige feiert Gottesdienste auf dem Münchner Oktoberfest, tauft die Kinder von Schaustellern an dem Ort, an dem sie sich gerade aufhalten, und weiht Zirkuszelte ein. Das hat er erst kürzlich noch bei Charles Knie gemacht. „Mit einem das Weihwasser tragenden, geschminkten Clown an meiner Seite“, erzählt Ellinghaus. Für ihn ist das so selbstverständlich wie ein Kreuz in der Kirche. Der katholische Pfarrer steht der Zirkus- und Schaustellerwelt schließlich als ihr ganz persönlicher Geistlicher zur Verfügung.

Gottesdienst auf der Kirmes

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  • Auf dem Fettmarkt in Warendorf wurde ein Gottesdienst im Autoscooter gefeiert.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Kirche auf der Kirmes? Für viele ist dieses Bild überraschend.

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  • Für Sascha Ellinghaus ist der Autoscooter schon lange eine ganz normale und gewohnte Kulisse.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Alles hat seinen Platz und seine Ordnung im Seelsorger-Bulli: In seinem Wagen hat Sascha Ellinghaus immer alles dabei – die liturgischen Gewänder ebenso wie seinen Altar.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Familie Nettelnstroth lässt sich den Schausteller-Gottesdienst nicht entgehen. Sie sind...

    Foto: Wilfried Gerharz
  • ...durch die Blaskapelle neugierig geworden.

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  • Knapp eine Stunde lang feiert Sascha Ellinghaus mit seiner Gemeinde den Gottesdienst.

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  • Nach dem Gottesdienst verstaut Sascha Ellinghaus...

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  • ...seine Utensilien dann schnell...

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  • ...in seinem Wagen. Die Fahrbahn des Autoscooters wird schließlich für das Kirmesgeschäft benötigt.

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  • Nach dem Gottesdienst bedankt sich die Ahlener Firma Familie Schardien mit gebrannten Mandeln beim Pfarrer.

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An diesem Morgen in Warendorf erfasst ihn allerdings ein Gefühl nervöser Premierenstimmung. Auf dem Fettmarkt hat er noch nie einen Gottesdienst gefeiert. Dem Altar, den er an der Stirnseite des Autoscooters aufgebaut hat, sieht niemand an, dass er aus zwei aneinander geschobenen Klapptischen besteht. Auf den Bierzeltbänken haben zehn Minuten vor dem Beginn des Gottesdienstes gerade einmal zwei Leute Platz genommen. Regelmäßige Kirchgänger aus Warendorf, wie sie erzählen. Neugierig geworden durch eine Meldung in der Zeitung, die auf eine Sonntagsmesse an einem mal ganz anderen Ort hinwies. „Ich bin gespannt“, sagt der Pfarrer und zieht sich zurück, um sein liturgisches Gewand zu ordnen.

Neugierig geworden durch die Blasmusik

Als er das nächste Mal die Plattform betritt, haben sich die Reihen allmählich gefüllt. Familie Nettelnstroth hat Platz genommen, neugierig geworden durch die Musik der Stadtkapelle, die sich in einem Winkel des Autoscooters mit einer improvisierten Bühne eingerichtet hat. Schausteller kommen, ein paar junge Familien und etliche Warendorfer, die nun in den Kirchen fehlen werden. Frauen wie Gabi Ber­heide, für die Glauben Leben ist, und neben ihr Angela Schumacher, die vor fünf Jahren aus dem Rheinland nach Warendorf gezogen ist. „Im Rheinland sind die Kirchen noch viel leerer“, sagt sie und muss dabei die Stimme heben – Blasinstrumente sind nun einmal akustisch sehr dominant.

„Lobe den Herren“, singt die Gemeinde, die sich in dieser Zusammensetzung nie wieder begegnen wird. „Gemeinsam ist es schöner“, beginnt der Pfarrer danach. Für den Gottesdienst gelte das und für die Kirmes ganz genauso. „Wer möchte schon allein über die Kirmes gehen?“, fragt Ellinghaus.

Knapp eine Stunde lang feiert er mit seiner Gemeinde den Gottesdienst – mit Kirchenliedern, die alle zu kennen scheinen, mit dem Evangelium, der Predigt, dem Friedensgruß und der Kommunion. „Das war sehr schön“, sagt Gabi Berheide.

Altar zusammengeklappt im Bulli

Für Ellinghaus beginnt nun die anstrengendste Zeit des Tages. Er räumt so schnell wie möglich die Fahrbahn, damit das Kirmesgeschäft zügig beginnen kann.

Hilfe lehnt er ab. In seinen Kisten und seinem Bulli hat alles seinen Platz. Die Gewänder hängen gleich hinter der Schiebetür auf Bügeln. In den Kisten verstaut der 45-Jährige das Kreuz und die Kerzen, den Kelch und ganz zum Schluss die Klapptische. Zweimal durchatmen – geschafft in respektabler Zeit.

Der Warendorfer Fettmarkt 2017

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  • Szenen des 360. Traditionsmarkts an der Ems Foto: Jörg Pastoor
  • Szenen des 360. Traditionsmarkts an der Ems Foto: Jörg Pastoor
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  • Szenen des 360. Traditionsmarkts an der Ems Foto: Jörg Pastoor
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  • Szenen des 360. Traditionsmarkts an der Ems Foto: Vornhusen
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  • Szenen des 360. Traditionsmarkts an der Ems Foto: Vornhusen
  • Szenen des 360. Traditionsmarkts an der Ems Foto: Jörg Pastoor
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  • Szenen des 360. Traditionsmarkts an der Ems Foto: Jörg Pastoor
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  • Szenen des 360. Traditionsmarkts an der Ems Foto: Jörg Pastoor
  • Szenen des 360. Traditionsmarkts an der Ems Foto: Jörg Pastoor
  • Szenen des 360. Traditionsmarkts an der Ems Foto: Jörg Pastoor
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  • Szenen des 360. Traditionsmarkts an der Ems Foto: Vornhusen
  • Szenen des 360. Traditionsmarkts an der Ems Foto: Jörg Pastoor
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  • Szenen des 360. Traditionsmarkts an der Ems Foto: Jörg Pastoor
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  • Szenen des 360. Traditionsmarkts an der Ems Foto: Jörg Pastoor
  • Szenen des 360. Traditionsmarkts an der Ems Foto: Jörg Pastoor
  • Szenen des 360. Traditionsmarkts an der Ems Foto: Jörg Pastoor
  • Szenen des 360. Traditionsmarkts an der Ems Foto: Jörg Pastoor
  • Szenen des 360. Traditionsmarkts an der Ems Foto: Jörg Pastoor

Der Geistliche hat nun Muße. Das ist auch seinen Schritten anzusehen. Genießerschritten gewissermaßen, die sich Zeit nehmen wollen. Die meisten Gesichter kennt er. Die Besitzer der Buden und Fahrgeschäfte sowieso. Marlies Schardien, Inhaberin eines auf Süßigkeiten spezialisierten Geschäfts aus Ahlen, hat dem Pfarrer nach dem Gottesdienst eine Tüte Mandeln geschenkt – als Dankeschön und Schaustellergruß.

Ellinghaus plaudert mit dem Team des Familienbetriebs – umrahmt von in rote zuckrige Soßen getauchten Äpfeln und Lebkuchenherzen. In ein paar Stunden wird irgendwo auf dem Fettmarkt ein Paar mit einem dieser Herzen zu sehen sein – Arm in Arm und in Maßen erschwert durch süßen Lebkuchen mit ebenso zuckrigsüßen Inschriften.

„Die Etage der Exoten“

Ellinghaus mag die Kirmes- und Zirkus-Atmos­phäre. Das ist schon lange so. „Als Ka­plan bin ich mit den Mess­dienern immer zum Zirkus gefahren“, erzählt er. Kein Wunder, dass die katholische ­Kirche auf ihn aufmerksam wurde. Ellinghaus stand der Zirkus- und Schaustellerseelsorge jahrelang ehrenamtlich zur Verfügung, seit 2014 leitet er sie von seinem Büro in Bonn aus. „Neben mir haben dort der Flughafenseelsorger und die Seemannsmission ihre Büros – die Etage der Exoten“, scherzt der 45-Jährige.

Seelsorge

Seit 1956 ist die Deutsche Bischofskonferenz Trägerin der Zirkus- und Schaustellerseelsorge mit Hauptsitz in Bonn. Von dort aus koordiniert ein hauptamtlicher Seelsorger die Aufgaben, die zumeist aus Taufen, Segnungen und Gottesdiensten bestehen. Möglich geworden ist dies durch einen Erlass, der es katholischen Geistlichen damals möglich gemacht hat, Gottesdienste auf ungeweihtem Gelände zu feiern. Neben dem hauptamtlichen kümmern sich zurzeit fünf ehrenamtliche Seelsorger um die Anliegen der Zirkus- und Schaustellerwelt.

Mehr Infos: www.kath-css.de

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Ellinghaus, der Schausteller-Exot, hat von dort aus vor ein paar Tagen eine Taufe im Zirkus Roncalli organisiert. An diesem Wochenende feiert er einen Gottesdienst auf der SimJü-Kirmes in Werne, und wenn es irgendwie geht, wird er auch noch den Send in Münster besuchen. „Die meisten Schausteller sind christlich sozialisiert“, sagt Ellinghaus. Sie freuen sich, wenn ihr Pfarrer sie besucht. Und sei es auf eine kurze Plauderei am Riesenrad.

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