Hotline für besorgte Bürger
Der Migrant des Vertrauens

Warendorf -

„Warum haben die alle ein Handy?“ „Warum bleiben die nicht in ihrem Land und bauen es wieder auf?“ Solchen Fragen stellt sich der ehemalige Warendorfer Ali Can in seiner „Hotline für besorgte Bürger“.

Freitag, 01.09.2017, 18:40 Uhr
Der ehemalige Warendorfer Ali Can ist ein gefragter Mann. Er spricht als Referent über interkulturelle Themen, engagiert sich bei Unicef, hat die „Hotline für besorgte Bürger“ gegründet und ist jetzt auch Buch-Autor.
Der ehemalige Warendorfer Ali Can ist ein gefragter Mann. Er spricht als Referent über interkulturelle Themen, engagiert sich bei Unicef, hat die „Hotline für besorgte Bürger“ gegründet und ist jetzt auch Buch-Autor. Foto: privat

Ali Can, 23 Jahre, hat schon viel erlebt. Als Sohn kurdischer Einwanderer, wächst er in Warendorf auf. Lange muss die Familie um ihr Bleiberecht kämpfen. 2007 kommt die Aufenthaltsgenehmigung. Die Familie darf in Deutschland bleiben. Ein Jahr später zieht die Familie nach Gießen. „Ein Großteil der Verwandten wohnt hier“, erklärt Ali Can den Wohnortwechsel. Er selbst absolviert 2013 sein Abitur und beginnt im selben Jahr Deutsch und Ethik auf Lehramt zu studieren.

Hier beginnt seine eigentliche Geschichte: Ali Can tritt in die Hochschulgruppe von Unicef ein. „Ich wollte einfach etwas Gutes tun.“ Er sammelt Spenden und engagiert sich vielfältig für Kinderrechte.

Die eigene Geschichte erzählt

2014 gibt es in seinem Freundeskreis heftige Diskussionen. Das Thema Flüchtlinge wird aufgrund einer Ersteinrichtungsunterkunft bei ihnen in der Nähe sehr präsent. „Einige meiner Freunde waren abwertend, gehässig und haben Asylbewerber pauschalisiert“, erzählt Ali Can, der ja selbst Asylbewerber war.

Der ehemalige Warendorfer belegt zur selben Zeit ein Seminar an der Universität zum Thema „Interkulturelle Kompetenzen. „Das hat mich total interessiert. Allerdings war mir der Kurs viel zu theoretisch.“ Weil der Warendorfer einfach etwas bewegen wollte und ihm die Aussagen seiner Freunde in Bezug auf die Flüchtlinge nervten, spricht er mit seiner Seminarleiterin.

Drei Monate später tritt Ali Can selbst als Referent auf. In einer Gießener Bücherei bekommt er die Chance, von seiner eigenen Geschichte und den Möglichkeiten in interkulturellen Beziehungen zu erzählen. Er gibt ein Seminar für besorgte Bürger und zum Abbau von Vorurteilen. „Das war nicht sonderlich gut besucht.“ Erst als die Wochenzeitung „Die Zeit“ auf ihn aufmerksam wird und einen Artikel schreibt, kommen zahlreiche Anfragen von renommierten Ein richtungen aus ganz Deutschland.

Besuch bei der Pegida-Demo

Anfang diesen Jahres sieht Ali Can immer wieder schlimme Szenen im Fernsehen von Gewalt und Hass gegen Flüchtlinge. Daraufhin reist er nach Clausnitz, Bautzen und Hoyerswerda, Orte die in den Medien besonders für ihre Flüchtlingsfeindlichkeit bekannt geworden sind. Dort will er sich mit den Bürgern und ihren Sorgen auseinandersetzen.

In Dresden besucht er die Pegida-Demo. Er bringt Schokoladen-Osterhasen mit und erregt so die Aufmerksamkeit. Die Leute hören ihm zu und seine Argumente werden teilweise angenommen. „Ich bin mir sicher, dass das daher kommt, weil ich nicht mit erhobenem Zeigefinger auf die Menschen zugegangen bin, sondern weil ich ihre Sorgen ernst genommen habe. Nur so kann man ein Umdenken bewirken.“

Ihm kommt die Idee einer „Hotline für besorgte Bürger“. Ali Can besorgt sich ein Prepaid-Handy. Menschen sollen bei ihm anrufen und sich von ihm ihre Sorgen und Ängste gegenüber Flüchtlingen nehmen lassen.

Argumente der Flüchtlingsgegner entkräften

Seine Hotline ist längst heiß begehrt, mehrere Freiwillige helfen mit. Es geht darum, Antworten zu finden auf Fragen wie „Warum haben die alle ein Handy?“ „Warum bleiben die nicht in ihrem Land und bauen es wieder auf?“ Ali Can diskutiert mit Hunderten Menschen, versucht Vorurteile zu nehmen und die Argumente der Flüchtlingsgegner zu entkräften. „Ich höre zu und gebe den Leuten die Chance, anonym Wut rauszulassen.“

Ali Can, der sich selbst als „Migrant des Vertrauens“ bezeichnet, hat jetzt ein Buch geschrieben. Darin erzählt er seine eigene Flüchtlings-Geschichte, stellt Forderungen an Politik und Gesellschaft und zeigt echte Diskussionen mit Pegida-Vertretern. Auch gute Erfahrungen tauchen in dem Werk auf. Beispielsweise aus seiner Zeit in Warendorf.

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