Lüdinghauser Altenheime setzen auf Prävention
Gewalt hat viele Facetten

Lüdinghausen/Münster -

Die ehemalige Mitarbeiterin eines Münsteraner Altenheims muss sich zurzeit wegen Gewalt gegenüber einer Bewohnerin verantworten. Im Gespräch mit den WN erläutern die Leiter der drei Lüdinghauser Senioreneinrichtungen, auf welche Weise sie versuchen, derartigen Vorfällen vorzubeugen.

Freitag, 28.07.2017, 11:00 Uhr

Respektvoller Umgang mit Bewohnern und Mitarbeitern: Darauf setzen die Leiter aller drei Altenheime in Lüdinghausen und Seppenrade – auch zur Prävention von Gewalt.
Respektvoller Umgang mit Bewohnern und Mitarbeitern: Darauf setzen die Leiter aller drei Altenheime in Lüdinghausen und Seppenrade – auch zur Prävention von Gewalt. Foto: dpa

Passiert ist es in einem Altenheim in Münster. Eine demente Bewohnerin wurde von einer Altenpflegehelferin bei der Pflege am Abend schwer misshandelt. Die Seniorin ist inzwischen verstorben, die mittlerweile gekündigte Mitarbeiterin der Einrichtung steht zurzeit in Münster vor Gericht. Der Vorfall vom August 2016 und die Berichterstattung darüber haben auch die Mitarbeiter des Antoniushauses in Lüdinghausen beschäftigt.

Pflegedienstleiter Markus Sasse erinnert sich noch gut daran, dass die Zeitungsausschnitte damals am schwarzen Brett hingen. „Wir gehen sehr offen mit dem Thema Gewalt in der Pflege um, und zwar sowohl gegenüber Mitarbeitern und Bewohnern als auch deren Angehörigen“, betont er.

„Es ist mir wichtig, nah an den Mitarbeitern, aber auch an den Bewohnern und deren Angehörigen zu sein.

Johannes Beermann

Ein Ausfluss daraus ist ein entsprechendes Präventionskonzept. Rund 140 der 180 Mitarbeiter des Antoni­ushauses werden seit Juni in dem Bereich nach und nach geschult. Das fordert auch das Sozialamt des Kreises Coesfeld, das für die Seniorenheime als Aufsichtsbehörde nach dem Wohn- und Teilhabegesetz fungiert.

Atmosphäre ist Grundlage

Im Ludgerushaus gibt es ein derartiges Konzept bereits seit 2015. „Die Schulungen dazu wiederholen wir jährlich, und zwar im intimeren Rahmen der Teamsitzungen“, macht Einrichtungsleiter Johannes Beermann deutlich. Denn: „Es ist mir wichtig, nahe an den Mitarbeitern, aber auch an den Bewohnern und deren Angehörigen zu sein. In meinen Augen liegt darin, nämlich im positiven Sinne aufeinander zu achten, der Schlüssel für einen Umgang und eine Atmosphäre, in der es erst gar nicht zu Gewalt kommt“, erläutert Beermann.

Wie definiert man Gewalt?

Joachim Brand

„Ganz so weit sind wir noch nicht, doch auch bei uns wird ein solches Präventionskonzept in absehbarer Zeit kommen“, sagt Stephan Emunds. Er hat vor einem halben Jahr die Leitung des Clara-Stiftes in Seppenrade übernommen. Anfang August wird auch die Pflegedienstleitung neu besetzt. „Dann werden wir uns gezielt einem solchen Konzept widmen“, so Emunds.

Wichtige Hinweise

Gleichzeitig wirft er eine Frage auf, die auch seine Kollegen in den anderen Altenheimen beschäftigt: „Wie definiert man Gewalt?“ Für Joachim Brand, Leiter des Antoniushauses, stellen bereits sprachliche Verrohungen wie ungewolltes Duzen der Bewohner oder die Ansprache als „Oma“ beziehungsweise „Opa“ eine Form von Gewalt dar.

Zum Thema
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Sasse, der seit 16 Jahren in der Einrichtung an der Straße Hinterm Hagen arbeitet, erinnert sich an drei Fälle dieser Art. „Mitarbeiter sind gegenüber Bewohnern laut geworden. Das ist Kollegen und auch Angehörigen aufgefallen. Wir haben daraufhin Gespräche mit den betreffenden Mitarbeitern geführt und uns danach einvernehmlich getrennt“, berichtet Sasse.

Dazu gehört auch, dass wir diese Offenheit vorleben und uns nicht hinter verschlossenen Bürotüren verschanzen.

Anja Tembaak

Ein Aspekt, den auch Beermann sowie die Pflegedienstleiterin des Ludgerushauses, Anja Tembaak, unterstreichen. Beide legen sehr großen Wert darauf, dass in der Einrichtung eine Kultur herrscht, in der das Thema Gewalt nicht verschwiegen wird, sondern sich alle Kollegen trauen, Beobachtungen zu melden.

„Dazu gehört auch, dass wir diese Offenheit vorleben und uns nicht hinter verschlossenen Bürotüren verschanzen“, sagt Tembaak. Und Beermann ergänzt: „Der Begriff Haltung ist mir persönlich enorm wichtig. Wir sind ein christliches Haus, und ich möchte, dass sich hier alle bewusst sind, dass wir alte Menschen, die von uns abhängig sind, in ihrer letzten Lebensphase begleiten.“

Ein offenes Beschwerdemanagement sowohl für Mitarbeiter als auch für Bewohner und Angehörige gehört ebenfalls zur Gewaltprävention.

Markus Sasse

Mehrarbeit in überschaubaren Grenzen

Bei den Leitern der drei Lüdinghauser Altenheime herrscht Einigkeit darüber, dass der offene Umgang mit dem Thema Gewalt in der Pflege ganz wichtig ist. „Wir müssen auch hingucken, wie es zu Gewalt kommt. Ich glaube, dass sie ein Resultat permanenter Überforderung ist. Daher achten wir sehr darauf, dass die Mitarbeiter ihre freien Zeiten haben und sich die Mehrarbeit in überschaubaren Grenzen hält“, sagt Brand.

So arbeiten im Antoniushaus beispielsweise nachts drei Kräfte, obwohl das System für 100 Plätze nur zwei vorsieht. „Ein offenes Beschwerdemanagement sowohl für Mitarbeiter als auch für Bewohner und Angehörige gehört ebenfalls zur Gewaltprävention“, fügt Sasse hinzu.

Der Pflegedienstleiter des Antoniushauses weist noch auf einen anderen Aspekt des Themas hin: „Es gibt auch Gewalt von Bewohnern gegenüber Mitarbeitern, zum Teil auch sexualisierte Gewalt. Da stellen wir uns ganz klar schützend vor die Kollegen und würden einen Heimplatz notfalls auch kündigen.“

Wir fühlen uns da von der Politik im Stich gelassen.

Stephan Emunds

Das Fazit der drei Einrichtungsleiter fällt sehr ähnlich aus: Die beste Gewaltprävention ist ein Schutz der Mitarbeiter vor Überforderung und eine Wertschätzung ihrer Arbeit. Denn: „Geht es den Mitarbeitern gut, geht es auch den Bewohnern gut – und umgekehrt“, so Sasse. Allerdings, das verhehlen die Verantwortlichen in den Altenheimen auch nicht, ist der Personalschlüssel heute noch immer auf dem Stand von vor 30 Jahren.

Damals waren die Bedürfnisse von Heimbewohnern jedoch ganz andere als heute. „Wir fühlen uns da von der Politik im Stich gelassen. Denn die Menge an Personal ist abhängig von den Pflegegraden“, legt Emunds den Finger in die Wunde, die in allen Alten- und Pflegeheimen schmerzt.

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