Nun wird ermittelt
92-Jähriger aus dem Kreis Borken war KZ-Wachmann

Dortmund -

Stutthof war nicht Auschwitz. Wäre der 92-jährige Beschuldigte, von dem nur bekannt ist, dass er im Kreis Borken lebt, zwischen 1942 und 1944 als Wachmann im NS-Vernichtungslager Auschwitz eingesetzt gewesen, gäbe es nichts zu deuteln. Wegen Beihilfe zum Mord in Tausenden Fällen würde er mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Haftstrafe verurteilt – so wie im Juni Reinhold Hanning aus Lage in Ostwestfalen.

Mittwoch, 09.11.2016, 12:52 Uhr

Das Lagertor in Stutthof wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wieder errichtet. Das Konzentrationslager war im Vergleich zu an­deren eher klein, ab 1944 wurden auch hier Menschen vergast und die Leichen verbrannt.
Das Lagertor in Stutthof wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wieder errichtet. Das Konzentrationslager war im Vergleich zu an­deren eher klein, ab 1944 wurden auch hier Menschen vergast und die Leichen verbrannt. Foto: dpa

Stutthof war nicht Auschwitz . Zwar wurden auch hier In­sassen ermordet, ab 1944 auch vergast. Die Zahl der Opfer war jedoch geringer als in den Vernichtungslagern. Das KZ Stutthof, bei Danzig gelegen, war ein sogenanntes Ar­beitslager, das ist ein Un­terschied – und erschwert die Ermittlungen.

Andreas Brendel ist Oberstaatsanwalt in Dortmund und leitet die landesweit zuständige Zentralstelle für die Verfolgung von NS-Verbrechen. Brendel hat die Anklage gegen Hanning geführt und ermittelt nun ge­gen den Senior aus dem Münsterland. Der hat gestanden, was nicht zu leugnen ist: Von Juni ‘42 bis September ‘44 als Wachmann in Stutthof gewesen zu sein. Darüber hinaus habe er aber erklärt, weder an Gräueltaten beteiligt gewesen zu sein, noch davon gewusst zu haben.

Stutthof: aktuell 1800 Vernehmungen

Die Suche nach Indizien ist wie puzzeln. Brendel war vor ein paar Tagen im früheren Lager, das heute ein Museum ist. Durchforstete alte Akten, verschaffte sich ei­nen Eindruck und suchte Antworten auch auf profane Fragen. Wie die, ob die Wachleute von jedem Wachturm das gesamte Lager überblicken konnten.

Die Suche nach Indizien ist auch Kärrnerarbeit. LKA-Mann Stefan Willms wertet derzeit die Unterlagen alter Stutthof-Verfahren aus; der 92-Jährige ist natürlich nicht der erste Beschuldigte. „Es geht dabei um 1800 Vernehmungen“, sagt Brendel. Und die Frage, ob die alten Akten etwas enthalten, das den 92-Jährigen belastet.

Im Fall des Auschwitz-Angeklagten Hanning war für das Gericht am Ende klar: Schuldig der Beihilfe zum Mord in 170 000 Fällen. Ohne Männer wie Hanning hätte das Lager nicht betrieben werden können.

Waren die Wachmänner Mitwisser?

Kann dieser Maßstab auch auf den 92-Jährigen und Stutthof übertragen werden? Die Anzahl der Toten spielt bei der moralischen Bewertung eine große Rolle, bei der juristischen Beurteilung fällt sie jedoch kaum ins Gewicht. Um jemanden wegen Beihilfe verurteilen zu können, genüge ein Ermordeter, sagt Brendel.

Auf den 92-Jährigen bezogen bedeutet dies: Es muss ihm nachgewiesen werden, dass auch die Wachmannschaft, die das Lager so gut wie nie betrat, wusste, was sich dort abspielte.

Das Konzentrationslager Stutthof war klein, der Beschuldigte dort lange eingesetzt; folglich ist es naheliegend, dass er Kenntnis davon hatten, dass Insassen malträtiert und misshandelt, erschlagen, erschossen, vergast und verbrannt wur den. „Zudem fanden zum En­de seiner Dienstzeit größere Tötungshandlungen statt“, sagt Brendel.

Der Mann ist alt, die Zeit drängt darum. „Ich hätte gerne 2017 eine Entscheidung, ob das Landgericht Münster die Hauptverhandlung eröffnet“, sagt Brendel. Das Verfahren fände dann vor der Jugendstrafkammer der Au­ßenstelle des Landgerichts beim Amtsgericht in Bocholt statt. Der Beschuldigte war zur Tatzeit keine 21 Jahre alt.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4422122?categorypath=%2F2%2F62%2F798625%2F819239%2F
Nachrichten-Ticker