Zwei Männer leben zusammen – für das Jobcenter ist das mehr als eine WG
Liebes- oder Zweckgemeinschaft?

Dülmen -

Fünf Jahre lang war das Verhältnis zwischen Peter Goetjes und Marco Bosbach völlig klar. Die beiden lebten in einer Wohngemeinschaft. Bosbach war Untermieter, bezog Sozialleistungen und zahlte Miete an Goetjes. Seit einem Jahr ist gar nichts mehr klar. Die Männer sind von Gelsenkirchen nach Dülmen gezogen und das hiesige Jobcenter ist überzeugt: Die zwei sind ein Paar. Und müssen deshalb auch finanziell füreinander einstehen.

Freitag, 04.11.2016, 18:03 Uhr

Zwei Männer leben zusammen – für das Jobcenter ist das mehr als eine WG : Liebes- oder Zweckgemeinschaft?
Wer in einer WG lebt, sollte besser aufpassen, vom Jobcenter nicht für Lebenspartner gehalten zu werden. (Symbolbild) Foto: dpa

„Ich habe Marco kennengelernt, als er echte Probleme hatte. Er musste raus aus dem Elternhaus. Da habe ich dem Jugendamt angeboten, dass er bei mir einziehen kann“, erklärt der Geschäftsführer des Barber´s 66. Dass die beiden in Dülmen wieder zusammenziehen würden, sei gar nicht geplant gewesen.

Fazit des Jobcenters: eine Lebensgemeinschaft

„Aber mit seiner Freundin in München klappte das nicht, da hat er gefragt, ob er bei mir einziehen könne.“ Da es in Buldern genug Platz gibt, nahm Goetjes seinen Untermieter erneut auf. Der beantragte, wie schon in Gelsenkirchen , Sozialleistungen.

Eines frühen Morgens standen im Januar Mitarbeiter des Dülmener Jobcenters vor der Tür, um zu prüfen, wie Bosbach und Goetjes zusammenleben. Ergebnis: Es handelt sich um eine Lebensgemeinschaft, die beiden schlafen in einem Bett.

Nun gelten beide formal als Hartz-IV-Empfänger

Goetjes kann das bis heute nicht nachvollziehen. Er hält viele Beobachtungen und Aussagen des Jobcenters für falsch und hat gegen eine Sachbearbeiterin sogar juristische Schritte eingeleitet.

Ein Zusatzproblem: Da das Jobcenter die beiden als Bedarfsgemeinschaft einstuft, ist nun auch Goetjes formal im Hartz-IV-Bezug. Das Jobcenter führt sogar Krankenkassenbeiträge für ihn ab. „Das ist absurd und ich komme in Schwierigkeiten dadurch“, empört sich Goetjes. Schließlich sei seine Bonität durch den Status als Leistungsempfänger in Gefahr.

Das Dilemma: Bislang gibt es nur einen vorläufigen Bescheid, denn Goetjes lehnt es ab, dem Jobcenter immer weitere Unterlagen einzureichen. Das Jobcenter wiederum besteht auf diesen Dokumenten. „Wir würden sofort Widerspruch einlegen, wenn es einen endgültigen Bescheid gäbe.“

Höhere Kosten für das Sozialamt sind das Ergebnis

Und so hat Goetjes nun schweren Herzens die Räumungsklage gegen seinen Untermieter durchgesetzt. „Wir sind zwar befreundet, aber ich sehe nicht ein, dass ich länger für den täglichen Bedarf meines Mitbewohners aufkomme und auf meine Miete verzichten soll.“ Der heute 27-jährige Marco Bosbach müsse sich daher eine andere Wohnung suchen. Die wird das Sozialamt in jedem Fall bezahlen müssen. Und dadurch fallen deutlich höhere Kosten an.

Herbert Wies vom Jobcenter weiß das natürlich auch. Aber er sei an das Sozialgesetzbuch gebunden, erklärt er. Um die Sache doch noch zu einer guten Lösung zu bringen, verspricht Wies einen Bescheid zu erlassen. Unter einer Bedingung: „Wir brauchen die aktuellen Gehaltsabrechnungen, um das Einkommen feststellen zu können.“ Alle anderen ausstehenden Forderungen will das Jobcenter nun zunächst einmal zurückstellen.

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