Bürgerentscheid zu verkaufsoffenen Sonntagen
Frage aus 81 Wörtern macht Expertin wütend

Münster/Bochum -

81 Wörter, um zu klären, ob man sonntags in Münster einkaufen dürfen soll. Michaela Blaha ist die Geschäftsführerin der Gesellschaft für verständliche Sprache, einem „An-Institut“ der Uni Bochum. Im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Stefan Werding bezeichnet sie die Formulierung als Unding.

Donnerstag, 03.11.2016, 13:30 Uhr

Michaela Blaha
Michaela Blaha Foto: -pp-

Guten Tag Frau Blaha , ich habe ihnen die Frage geschickt, über die die Münsteraner am Sonntag abstimmen sollen. Haben Sie die verstanden?

Michaela Blaha: Nach 15 Minuten und fünfmaligen Versuchen, das umzuformulieren, bin ich grob auf der Spur. Diese Frage ist natürlich ein Unding.

Warum macht man sowas?

Blaha: Leider, leider, leider ist es in Behörden und Unternehmen immer noch so ist, dass niemand aufschreit, wenn jemand mit so einem Satz daherkommt. Das macht mich nach so vielen Jahren Arbeit wütend. Gerade Texte mit einer Außenwirkung werden von Leuten geschrieben, die sich überhaupt nicht mit dem Thema Sprache und Wirkung befassen und es daher völlig in Ordnung finden, solche Sätze zu schreiben. Für mich ist das ein Skandal.

Eine Frage - 81 Wörter

„Soll der Beschluss des Rates der Stadt Münster vom 11.5.2016 über das Offenhalten der Verkaufsstellen aufgehoben werden und damit- am 2. Advent der Jahre 2016 bis 2019 in der Altstadt/Bahnhofsviertel und entlang eines Teils der Hammer Straße,- und am 1. Advent des Jahres 2016 in Teilen des Ortsteils Hiltrup,- und anlässlich von Hansetag und Herbstsend in den Jahren 2017-2019 in der Altstadt/Bahnhofsvierteleine Öffnung von Verkaufsstellen am Sonntag in der Zeit von 13-18 Uhr nicht erlaubt werden?“

...

Wie entsteht so ein Satz?

Blaha: Oft entstehen solche Texte, indem in bereits existierenden Texten etwas eingefügt oder aus ihnen etwas herausgenommen wird. Oder jemand gibt einen Text in Auftrag und bessert ihn noch nach. Ich könnte mir auch vorstellen, dass so ein Satz in allen möglichen Gremien besprochen wird und jeder seine Formulierungen einbringt – ohne dass nachher noch mal jemand die Qualität überprüft.

Wie hätte man das anders formulieren können?

Blaha: Um solche Sätze zu verstehen, müssen wir sie umformulieren. Der Satz ist zu lang, enthält Einschübe, nennt Daten, dann weitere Termine, die keine Daten sind wie„ „Zweiter Advent“, dann werden Orte genannt, Stadtteile und Straßen. Und dann geht es um ein Thema.

Ganz schön viel auf einmal.

Blaha: Ja, der Satz enthält viele verschiedene Elemente, die so, wie sie da stehen, nicht verständlich sind. Was ist der Kern? Es hat einen Beschluss gegeben. Aber was ist mit dem? Aha, der soll aufgehoben und etwas nicht erlaubt werden. Dann ist zu klären: Was soll nicht erlaubt werden? So stellen sich viele Fragen.

Wenn ich dagegen bin, muss ich mit Ja antworten. Allein das ist absurd.

Blaha: Absolut. Besser wäre es, eine Aussage zu treffen und dann zu schreiben: Sind Sie dafür, oder sind Sie dagegen? Wichtig ist: Es geht nicht um die Frage, ob geöffnet werden soll oder nicht, sondern ob ein Beschluss aufgehoben werden soll. Darum muss in der Frage wiedergegeben werden, was in dem Beschluss steht. Der ist ja vermutlich ein langes Dokument, das man auch nicht ohne weiteres verstehen kann. Da geht es ja schon los.

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