Hospizgruppe in Schöppingen
„Kinder trauern anders“

Schöppingen -

Kinder haben ihre eigenen, oft sehr fantasievollen Vorstellungen. Und die klammern auch den Tod nicht aus. Eine Tatsache, die besonders Eltern nicht immer wahrhaben wollen. „Kinder trauern anders“ hat auch Heidi Herdt, seit fünf Jahren ehrenamtlich in der Hospizgruppe engagiert, festgestellt.

Dienstag, 01.11.2016, 06:00 Uhr

Ihre Trauer über den Verlust eines nahestehenden Menschen drücken Kinder häufig anders als Erwachsene aus. Dabei brauchen auch sie Unterstützung.
Ihre Trauer über den Verlust eines nahestehenden Menschen drücken Kinder häufig anders als Erwachsene aus. Dabei brauchen auch sie Unterstützung. Foto: Susanne Menzel

„Die Menschen kommen entweder in die Hölle oder zu Gott in den Himmel.“ – „Wenn man tot im Himmel ist, kann man mit Spezialfüßen über die Wolken gehen.“ Kinder haben ihre eigenen, oft sehr fantasievollen Vorstellungen. Und die klammern auch den Tod nicht aus. Eine Tatsache, die besonders Eltern nicht immer wahrhaben wollen.

Gerade, wenn sich die Erwachsenen einem aktuellen Trauerfall in der Familie stellen müssen, fällt es ihnen oft schwer, neben der eigenen Trauer auch noch die der Kinder zu verstehen. „Wie tröste ich mein Kind?“, „Was erkläre ich ihm?“, „Wie viel Wahrheit kann ich meinem Kind überhaupt zumuten?“ Der Tod wirft viele Fragen auf. Und nur an wenigen Stellen gibt es Antworten.

„Kinder trauern anders“ hat auch Heidi Herdt , seit fünf Jahren ehrenamtlich in der Hospizgruppe engagiert, festgestellt. „Kinder erleben den Verlust eines nahe stehenden Menschen oft aus einer anderen Sicht. Manchmal mag man das Gefühl haben, Kinder trauern gar nicht. Das stimmt aber nicht. Sie drücken ihre Trauer unter Umständen in Launenhaftigkeit, Schlafstörungen oder plötzlicher Traurigkeit in scheinbar unpassenden Situationen aus.“

Themenwoche "Leben und Sterben" für Dritt- und Viertklässler

Kinder sehen den Tod auf der Straße, in der Natur, in der Nachbarschaft oder in der Familie. Sie sind in der einen Minute traurig, in der nächsten entdecken sie etwas Neues. Während Erwachsene in einem Ozean der Trauer versinken, ist es für Kinder eher eine tiefe Pfütze, in die sie rein- und auch gleich wieder herausspringen.

„Natürlich brauchen auch Kinder Unterstützung“, betont Herdt. Und so hat sie sich für die Hospizgruppe auf einem zweitägigen Seminar in Gronau ganz speziell mit diesem Thema auseinander gesetzt. „Hospiz macht Schule“ lautet das Projekt, das bundesweit einheitlich nach den Vorgaben der Bundeshospizakademie angeboten wird. Es richtet sich mit der Themenwoche „Leben und Sterben“ an Dritt- und Viertklässler.

Jeweils sechs Hospizbegleiter gehen dazu an fünf Tagen in die Schule, um sich mit den Mädchen und Jungen sachlich und kindgerecht über den Tod Gedanken zu machen. „Eingesetzt werden dabei Stilmittel wie Gesprächskreise, Mal- und Bastelarbeiten, Singen, Filme oder Geschichten“, erzählt Herdt. Und: „Wichtig ist es, den Kindern vorher klar zu machen, dass alles Gesagte und Besprochene in diesem geschützten Raum bleibt. Jeder wird mit seinen Gedanken und Gefühlen ernst genommen. Niemand muss sich schämen oder wird ausgelacht.“

"Kinder nicht außen vor lassen"

Dieses Angebot auch an der Schöppinger Grundschule anzubieten, wäre für sie wünschenswert: „Allerdings ist für unsere Gruppe noch die Zahl der sechs Ehrenamtlichen, die für eine Woche involviert sind, ein personelles Problem. Das können wir momentan nicht leisten“, bedauert sie. Die Vielzahl der Hospizbegleiter bei dem Projekt erklärt sich dadurch, „dass wir in Klassen mit durchschnittlich 30 Kindern gehen. Da müssen kleinere Gruppen gebildet und begleitet werden, um auf jedes Kind mit seinen individuellen Bedürfnissen eingehen zu können.“

In der Nachbargemeinde Ochtrup beispielsweise wird das Programm „Hospiz macht Schule“ bereits umgesetzt. „Allerdings sind die Hospizgruppen im Kreis Steinfurt auch größer“, weiß Herdt. Die Schöppinger haben deshalb überlegt, sich für dieses Angebot mit Gruppen aus der Nachbarschaft zusammenzuschließen. Bislang hat dieses Vorhaben noch nicht geklappt. Herdt: „Das Beste wäre natürlich, wenn wir weitere Ehrenamtliche aus Schöppingen gewinnen würden, die bereit wären, sich auch in diesem Bereich zu engagieren. Es ist wichtig, die Kinder nicht außen vor zu lassen“, bekräftigt sie.

Sie hat selbst in der Familie schon Trauerfälle erlebt, von denen auch Kinder betroffen waren. „Sicherlich muss jeder für sich selbst entscheiden, wie und in welcher Form er die Kinder mit einbindet. Aber man sollte es ihnen nicht nur erlauben, sondern es ihnen auch ermöglichen, Abschied zu nehmen. Wichtig ist es dabei, die Kinder auf diesem Weg nicht alleine zu lassen.“

Zur Person: Heidi Herdt

Heidi Herdt hat früher beruflich in der Betreuung gearbeitet, heute ist sie in der Pflege im Einsatz. „Dadurch bin ich viel im Kontakt mit Menschen“, schildert die 57-Jährige. „Manchmal wurde dabei schon ein Band geknüpft. Wenn die Patienten dann hörten, dass ich mich privat in der Hospizgruppe engagiere, ist schon ein gewisses Vertrauen da.“

Ihren ersten direkten Kontakt mit dem Tod, erinnert sich Heidi Herdt, „hatte ich durch meinen Vater. Er war 88 Jahre und an Demenz erkrankt. Ihn habe ich in dieser Zeit wie auch während seiner letzten Stunden begleitet.“

Die meisten Menschen, so Herdts Erfahrung, „machen sich sehr viele Gedanken um den Tod und haben Angst davor. Und da hilft es ihnen sehr, jemanden in der Nähe zu haben, der die Hand hält oder zuhört. Man muss Ruhe bewahren und einfach da sein. Man kann da nichts falsch machen, wie manche immer befürchten.“

Für die Angehörigen ist es ebenfalls „eine Erleichterung, Menschen an der Seite zu haben, die ihnen beistehen. Manchmal hilft schon eine Umarmung.“ Heidi Herdt: „Ich habe von den Angehörigen im Nachhinein viel Dankbarkeit entgegengebracht bekommen. Und das ist auch ein wesentlicher Punkt für mein Engagement: Ich fühle mich in der Hospizgruppe gut aufgehoben, weil man nicht nur gibt, sondern auch viel erhält.“

...
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4406558?categorypath=%2F2%2F62%2F798625%2F819239%2F
Nachrichten-Ticker