Zeitgeist und Wandel in der Gesellschaft
Kein Platz für Tod und Trauer?

Greven -

Er begegnet dem Menschen täglich, oft mehrfach. Im Fernsehen, im Kino, im Internet, bei Computerspielen. Der Tod ist Normalität, ist allgegenwärtig – jedenfalls im medialen Alltag. Und im wahren Leben? Da werden Tod, Sterben, Trauer weit weg geschoben. „Unsere Gesellschaft ist heute jung, fit, schön, es zählt nur Leistung. Da bleibt kein Platz für den Tod, für die Trauer”, sagt Gabi Bernhard-Hunold, Trauerbegleiterin beim Malteser Hilfsdienst in Greven.

Dienstag, 01.11.2016, 03:00 Uhr

 
Der Wandel bei den Bestattungen: Früher gab es den Sarg, das Familiengrab und die Stelle, wo der eigene Körper nach dem Tod begraben wurde, stand schon lange vorher fest. Heute gibt es viele verschiedene Möglichkeiten. Besonders auffällig: Nicht die Erdbestattung, sondern Einäscherung ist inzwischen die Regel. Foto: Matthias Ahlke

Und doch: Am Tod kommt keiner vorbei. Er muss zur Kenntnis genommen werden, ob man nun will oder nicht. Doch wie geht unsere Gesellschaft damit um? Der Zeitgeist, der Wandel in der Gesellschaft hat auch vor dem Tod nicht halt gemacht – manchmal deutlich sichtbar, manchmal kaum wahrnehmbar.

Wir haben hier auf dem Friedhof rund 250 Beisetzungen pro Jahr, mehr als die Hälfte davon sind mittlerweile Urnenbeisetzungen.

Friedhofsgärtner Henrik Schlott

Wandel bei den Bestattungen

Deutlich zu erkennen ist der Wandel bei den Bestattungen. Früher gab es den Sarg, gab es das Grab für die ganze Familie, stand die Stelle, wo der eigene Körper nach dem Tod begraben wurde, schon lange vorher fest. Heute gibt es viele verschiedene Möglichkeiten. Besonders auffällig: Nicht die Erdbestattung, sondern Einäscherung ist inzwischen die Regel. „Wir haben hier auf dem Friedhof rund 250 Beisetzungen pro Jahr, mehr als die Hälfte davon sind mittlerweile Urnenbeisetzungen”, weiß Friedhofsgärtner Henrik Schlott .

Früher habe es Alternativen zur Erdbestattung nicht gegeben. „Unter Leo XIII. verbot die Glaubenskongregation 1886 die Feuerbestattung, da man in ihr eine Demonstration gegen den Glauben an die Auferstehung sah”, erzählt Pastor Klaus Lunemann. Katholiken, die diese Bestattungsform wählten, mussten ohne kirchliche Trauerfeier auskommen. Zudem durften sie nicht auf einem kirchlichen Friedhof begraben werden. Nach kirchlichem Recht galt diese Regelung bis 1964. Seitdem ist auch eine kirchliche Feuerbestattung erlaubt.

Viele wollen zum Grab kommen, wollen Blumen pflanzen, wollen ein Grab pflegen. Das ist ein wichtiger Bestandteil der Trauer.

Friedhofsgärtner Henrik Schlott

In Greven gab es die ersten Einäscherungen erst mit Beginn des neuen Jahrtausends. Die Verbrennung sei, so Schlott, noch lange verpönt gewesen. „Ein alter Kollege hat erzählt, dass die Urne des ersten Verstorbenen, der eingeäschert wurde, hier auf dem Friedhof noch in einem Sarg beigesetzt worden ist.” Damit die Familie, die Nachbarn die Freunde eben nichts davon mitbekamen.

Die Einäscherung

Dabei gebe es viele Gründe für eine Einäscherung. Die Finanzen stünden wohl an erster Stelle. „Beim Bestatter sind die Unterschiede nicht so groß. Aber ein Urnengrab und das Ausheben dieses Grabes sind rund halb so teuer wie eine Erdbestattung. Die Gräber, die Grabsteine sind kleiner”, verdeutlicht Schlott. Und das hat ganz konkrete Auswirkungen. „Wir haben hier mittlerweile 400 Doppelgräber frei.” Die Erweiterungsfläche des Friedhofs, über die Anfang des Jahrtausends noch nachgedacht wurde, sei kein Thema mehr.

Hospizbewegung und die Palliativdienste machen es möglich, dass die Sterbenden bis zum Ende wieder zu Hause in vertrauter Umgebung gepflegt werden können.

Pfarrer Klaus Lunemann

Erstaunlich: In den „Dörfern” Gimbte und Schmedehausen ist die Einäscherung noch die Ausnahme. „Dort haben die Familien noch häufig die Familiengräber, in denen alle bestattet werden”, berichtet Bestatter Josef Meibeck. Aber, so vermutet er, dies könne auch mit den noch etwas anderen Familienstrukturen zu tun haben.

Oft sind es die Verstorbenen selber, die sich für eine Einäscherung entschieden haben. Denn auch die Zahl der Vorsorgeverträge, mit der die eigene Bestattung organisiert und finanziert wird, nehme immer mehr zu, so Meibeck. „Da wird die Bestattung mit allem drum und dran bis ins kleinste Detail geplant.” Weniger Arbeit bei der Grabpflege, weniger Kosten – viele Menschen wollen den Angehörigen nach dem Tod nicht zur Last fallen. „Oft haben die Betroffenen selbst die Erfahrung gemacht und jahrelang die Gräber der Eltern gepflegt”, erklärt Meibeck. Das wollten sie den eigenen Nachkommen ersparen.

Viele Menschen planen inzwischen ihre eigene Bestattung mit allem drum und dran bis ins kleinste Detail.

Bestatter Josef Meibeck

"Viele wollen zum Grab kommen, wollen Blumen pflanzen, ein Grab pflegen"

Manche sind dabei radikal. „Wir haben häufig das Problem, dass Menschen sich in Rasen-Gräbern beisetzen lassen, eben um den Angehörigen nicht zur Last zu fallen”, erzählt Schlott. Aber eben diese Angehörigen müssten damit auch klar kommen. „Viele wollen zum Grab kommen, wollen Blumen pflanzen, ein Grab pflegen. Das ist ein wichtiger Bestandteil der Trauer .” Die Leute stellten Blumen, Pflanzschalen auf die Rasengräber. Aber das ist dort nicht vorgesehen. Die Friedhofsgärtner haben damit viel Arbeit, müssen den Grabschmuck wieder beseitigen, damit der Rasen geschnitten werden kann. „Wenn jemand seine eigene Beerdigung vorbereitet, sollte er das auf jeden Fall in Abstimmung mit den Angehörigen tun”, rät auch Gabi Bernhard-Hunold .

Anlaufpunkt für Trauer

Denn für ganz viele Menschen sei es wichtig, einen Anlaufpunkt für ihre Trauer zu haben. „Man kann es oft beobachten, dass die Menschen am Grab sogar mit dem Verstorbenen sprechen.” Für viele sei die Pflege eines Grabes ein Liebesdienst für den Verstorbenen.

Im Alter kennt man diejenigen, die da sterben. Die Leute haben ein Gesicht.

Bestatter Josef Meibeck

Anonyme Gräber

Friedhofsgärtner Schlott setzt sich nicht zuletzt aus diesem Grund vehement gegen anonyme Gräber auf dem Grevener Friedhof ein. „Mit diesen anonymen Gräbern wird die Geschichte des Menschen endgültig ausgelöscht, er existiert nirgendwo mehr. Das hat kein Mensch verdient. Hinzu kommt, dass niemand mehr einen Punkt zum Trauern hat, einen Punkt, wo er an den Verstorbenen denken kann.”

Der Umgang mit Trauer hat sich verändert

Auch der Umgang mit Trauer hat sich mit den Jahren verändert. Das ist in vielen Fällen den veränderten sozialen Strukturen in unserer Gesellschaft geschuldet. „Wir leben nicht mehr in Großfamilien, viele alte Menschen leben alleine, Kinder leben weit verstreut über Deutschland oder gar die ganze Welt”, analysiert Bernhard-Hunold. Es gebe immer mehr Single-Haushalte. „Die Familie, die früher viel abgefangen hat, die geholfen hat, zusammen die Trauer zu verarbeiten, ist eben häufig nicht mehr präsent.”

Wenn jemand seine eigene Beerdigung vorbereitet, sollte er das auf jeden Fall in Abstimmung mit den Angehörigen tun.

Gabi Bernhard-Hunold, Trauerbegleiterin beim Malteser Hilfsdienst

Gabi Bernhard-Hunold führt Seminare zur Trauerbegleitung durch. Und der Bedarf, der Zuspruch werde immer größer. Es gibt offene Gruppen, aber hauptsächlich geschlossene. In diesen Gruppen soll den Menschen die Gelegenheit gegeben werden, über ihre Trauer zu reden, die Trauer auszuleben, zu verarbeiten. „Die Menschen haben heute mehr das Bedürfnis, über Gefühle zu sprechen. Und bei Trauer geht es natürlich um Gefühle.”

"Die Menschen durften ihre Toten oft nicht richtig betrauern"

Früher, in der Kriegs- und Nachkriegsgeneration, sei da häufig nach dem Motto „Augen zu und durch” verfahren worden. „Die Menschen durften ihre Toten oft nicht richtig betrauern.” Das merke man noch heute bei Menschen, die den Krieg noch miterlebt haben. „Die wollen gar nicht über ihre Trauer reden, weil sie es nicht gelernt haben.”

Glaube spielt eine große Rolle

Und natürlich spielt beim Thema Tod und Trauer auch der Glaube eine große Rolle. Rein praktisch: In Zeiten, da immer mehr Menschen den Kirchen den Rücken kehren, werden auch immer mehr Menschen ohne die Begleitung durch einen Pfarrer beigesetzt. Aber auch emotional macht sich das bemerkbar. „Menschen, die an die Wiederauferstehung glauben, haben es sicherlich leichter”, so die Erfahrung von Bernhard-Hunold. Der Glaube daran, sich irgendwann einmal wieder zu sehen, spende vielen Trauernden enormen Trost. „Die Vorstellung, mein geliebter Mensch ist hier noch irgendwo, der schaut mir zu, ist für diese Menschen sehr wichtig, sagt Bernhard-Hunold.

„Wenn man keine Perspektive über dieses Leben hinaus hat, ist das sicherlich schwer, für den Trauernden, aber auch für den Sterbenden”, sagt auch Pfarrer Lunemann. Aber: Die Zahl der Menschen, die diesen Glauben nicht mehr haben, werde größer. „Die Mehrzahl der Menschen in unseren Trauergruppen ist nicht gläubig”, sagt Bernhard-Hunold.

Immer mehr ungepflegte Gräber

Tod und Trauer stehen auf der einen Seite. Aber bei manchen Menschen nimmt anscheinend auch der Respekt vor den Verstorben ab. Ein Zeichen dafür sind die ungepflegten Gräber auf dem Friedhof an der Saerbecker Straße. „Das wird leider immer mehr, das wird immer mehr zu einem Problem”, bedauert Schlott. Genauso, wie die Gräber, die vorzeitig aufgegeben werden. „Da fehlt vielleicht auch die soziale Kontrolle durch Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft.“ Wie hat einst Berthold Brecht gesagt: „Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.”

"Man merkt, dass die Leute viel über das Thema Tod wissen wollen, aber auch Angst vor diesem Thema haben"

Erstaunlich ist auch: So weit, wie die Menschen den Tod auch von sich schieben, so faszinierend scheint er doch für sie zu sein. Alle, die mit dem Tod zu tun haben, ob nun als Bestatter, Friedhofsgärtner oder als Trauerbegleiterin, werden immer wieder darauf angesprochen. „Man merkt, dass die Leute viel über das Thema Tod wissen wollen, aber auch Angst vor diesem Thema haben”, erzählt Schlott. Das Interesse werde besonders deutlich bei den Friedhofsführungen, die neuerdings angeboten werden. „Die sind ruck-zuck ausgebucht.” Und auch Bestatter Meibeck registriert das vermehrte Interesse. „Wir bekommen regelmäßig Besuch von Schulklassen oder Konfirmanden, die sich unser Bestattungsinstitut ansehen und viele Fragen stellen. Wir sind froh darüber, dass sich Menschen mit dem Thema Tod auseinandersetzen.”

Viele schieben den Gedanken an den Tod weit weg

Trotz allem: „Der Tod gehört zwar zum Lauf des Lebens wie die Geburt. Aber viele wollen das nicht wahr haben, schieben die Gedanken an den Tod weit weg”, erklärt Schlott. Das sehe in anderen Kulturen ganz anders aus. „Wir haben hier natürlich auch häufiger muslimische Beisetzungen. Da wird auch getrauert, aber diese Menschen gehen viel natürlicher mit dem Tod um, es gibt die rituellen Waschungen, selbst die Kinder sind bei all dem dabei, kommen ganz natürlich in Kontakt mit dem Tod, mit den Verstorbenen.” Aber: Das alles sei in unserer Gesellschaft heute leider oft undenkbar.

Früher gehörte der Tod zum Leben der Familien

Die Gründe dafür sind klar: Früher starben die Menschen zu Hause, wurden dort auch aufgebahrt. Der Tod gehörte zum Leben der Familien. Dann ging der Weg in die andere Richtung. „In meiner Jugendzeit wurden die Krankenhäuser in der Peripherie gebaut, alles, was krank und gebrechlich war, sollte aus dem Stadtbild verschwinden”, erzählt Pfarrer Lunemann. Außerdem machte die Medizin Fortschritte. Jeder noch so sterbenskranke Mensch wurde behandelt, es wurden alle nur möglichen lebenserhaltenden Maßnahmen ergriffen. Mit dem Ergebnis, dass die Menschen in den Krankenhäusern starben, klinisch rein und weit weg vom Alltag. Inzwischen haben aber viele Menschen eine Patientenverfügung erstellt, um eben das zu verhindern.

Hospizbewegung und Palliativdienste

Und scheinbar kommen der Tod und das Sterben auch den Menschen wieder näher. „Hospizbewegung und die Palliativdienste machen es möglich, dass die Sterbenden bis zum Ende wieder zu Hause in vertrauter Umgebung gepflegt werden können”, verdeutlicht Lunemann.

Wer kommt für die Bestattungen auf?

Aber: Es kommt vermehrt vor, dass die Menschen, die sterben, keine Angehörigen haben, sich niemand für die Bestattung zuständig fühlt. Dann muss die Stadt, genauer, das Ordnungsamt einspringen. „Wir haben pro Jahr acht bis zehn derartige Fälle, Tendenz leicht steigend”, weiß Andrea Rauße-Rüther, Sprecherin der Stadtverwaltung. „Wir haben den Eindruck, dass es mehr Menschen gibt, die niemanden haben und dass der Zusammenhalt in den Familien nicht mehr so eng ist.” Wird allerdings ein Familienangehöriger gefunden, muss der für die Bestattungskosten aufkommen.

Meistens handele es sich bei diesen Alleinstehenden um ältere Personen, häufig aus Pflegeheimen. Manchmal gehe es auch um jüngere Menschen, die vereinsamt seien, keine Vorsorge getroffen hätten. Und da muss dann das Ordnungsamt zahlen. „Die Kosten für so eine Bestattung liegen zwischen 1200 und 2500 Euro”, verdeutlicht Rauße-Rüther. Hat der Verstorbene keine Wünsche geäußert und hat er auch keine Bekannten, lässt das Ordnungsamt eine anonyme Feuerbestattung durchführen.

Es sei nicht automatisch so, dass für Menschen, die Sozialleistungen beziehen, die Bestattungskosten übernommen werden. „Ihre Angehörigen können am Sterbeort einen Antrag auf Übernahme der Bestattungskosten stellen”, so Rauße-Rüther. Angesichts der drohenden Alters-Armut wird dies in Zukunft wohl häufiger passieren.

Wie mit dem Tod leben?

In der Jugend hat man noch wenig mit dem Tod und dem Sterben zu tun. „Doch im Alter kennt man diejenigen, die da sterben. Die Leute haben ein Gesicht”, weiß Josef Meibeck. Aber wie kann er, wie können all die, die täglich mit dem Tod, mit Trauer, mit Sterben zu tun haben, damit leben? Die Antwort ist eigentlich bei allen gleich. „Der Umgang mit dem Tod hat mich gelehrt, mein Leben Tag für Tag ganz bewusst zu leben”, sagt Meibeck.

Und er weiß, wie man ein Leben im ständigen Kontakt mit dem Tod leben kann. „Bei all der Trauer, mit der man zu tun hat, darf man das Lachen nicht vergessen.”

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