„Verwahrentgelt“
Die Firewall der Kreissparkasse Steinfurt

Tecklenburger Land -

Der Wirbelsturm auf dem europäischen Geldmarkt hat das Tecklenburger Land und die Kreissparkasse Steinfurt schon längst erreicht. Erstmals taucht jetzt aber in den Geschäftsbedingungen ein seltsames Wort auf: „Verwahrentgelt“. Man könnte auch „Negativzins“ sagen – aber das hört sich noch schlechter an.

Mittwoch, 02.11.2016, 08:00 Uhr

Her damit –  denkt jeder Normalbürger. Bei der Kreissparkasse Steinfurt sieht das inzwischen etwas anders, etwas differenzierter aus ...
Her damit –  denkt jeder Normalbürger. Bei der Kreissparkasse Steinfurt sieht das inzwischen etwas anders, etwas differenzierter aus ... Foto: Franz Pfuegl/Fotolia

Der Wirbelsturm auf dem europäischen Geldmarkt hat das Tecklenburger Land und die Kreissparkasse Steinfurt schon längst erreicht. Erstmals taucht jetzt aber in den Geschäftsbedingungen (wie bei vielen anderen Banken bundesweit) ein seltsames Wort auf: „ Verwahrentgelt “. Man könnte auch „Negativzins“ sagen – aber das hört sich noch schlechter an. Worum geht es ? Es geht ums Gegensteuern. Es geht um eine Art von Krisenmanagement in Zeiten, in denen viel zu viel Liquidität im Markt ist. Es geht um eine Firewall gegen noch mehr Geld im Tresor...

Das hört sich merkwürdig an. Aber Rainer Langkamp , Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Steinfurt ( KSK ), hat im Gespräch mit unserem Medienhaus erklärt, wie turbulent die Lage in der EU ist. Und hat erklärt, was getan werden muss, damit die KSK den Wirbelsturm unbeschadet überstehen kann.

„Die Ergebnisse gehen deutlich in den Keller“

Denn Gewinne zu erwirtschaften wird für die Sparkasse vor der Haustür immer schwieriger: Die Zinsen sind wegen der massiven Markt-Eingriffe der Europäischen Zentralbank historisch tief im Keller. Die Sparkasse kann für vergebene Kredite nur noch geringe Zinsen fordern. Und die Sparkasse muss im internen Bank-Geschäft 0,4 Prozent Zinsen bezahlen, wenn sie selbst Geld anlegt. Das hat Auswirkungen: „Die Ergebnisse gehen deutlich in den Keller“, blickt Langkamp in die Zukunft. Seriöse Prognosen gehen davon aus, dass bundesweit bis zum Jahr 2018 bei manchen Banken ein Rückgang der Ergebnisse um über 50 Prozent zu erwarten ist.

Also: Dagegenhalten ist nötig. Daran arbeitet man im Hause Kreissparkasse seit zwei Jahren. Es wird sozial-verträglich Personal abgebaut, etwa 40 Vollzeitstellen sind bereits gestrichen. Zudem werden Einnahmen erhöht (Kontoführungsgebühren) und Sachkosten gesenkt. Das Filialnetz steht auf dem Dauerprüfstand. Zudem: Ein kontinuierliches Wachstum im Kreditgeschäft ist zwingend notwendig.

„Trotz des extrem schwierigen Zinsumfeldes bleibt das Ergebnis der Kreissparkasse ausreichend, weil wir viele Maßnahmen zur Ergebnisverbesserung umgesetzt haben und weiter umsetzen werden“, formuliert Langkamp in schönstem Bankendeutsch. Dass das alles „nicht immer Spaß macht“ gibt er offen zu. Aber bis hierher gilt: „Auch wenn das Zinsniveau so bleibt, wird die Kreissparkasse das nachhaltig überstehen.“ Zehn Jahre, sagt Langkamp, soll das gelten.

Hohe Millionensummen unerwünscht

Das klappt indes nur, wenn es gelingt, auf Dauer der extremen Geldschwemme in der EU aus dem Weg zu gehen. Soll heißen: Die Sparkasse möchte vermeiden, dass sehr hohe Millionensummen bei ihr angelegt werden. Hier kommen besagte „Verwahrentgelte“, also die „Negativzinsen“ ins Spiel.

Sparkassenchef Langkamp legt viel Wert darauf zu betonen, dass es nicht ums klassische Privatkundengeschäft geht. Privatanleger sind mit ihren Vermögen, mit ihren Spar- und Vorsorge-Anliegen, nach wie vor gern gesehene Kern-Kundschaft.

Aber: Etwa seit Mitte des Jahres 2016 gibt es einen massiven Trend. Es häufen sich die Anfragen von Unternehmen, von Institutionen, Verbänden oder Kommunen, die sehr hohe Kapitalbeträge unterbringen wollen. Die Zahl solcher Anfragen wird auch künftig stark steigen. Zinsen gibt es sowieso nicht mehr und viele Banken bundesweit kassieren bereits Verwahrentgelte. So ist viel Geld unterwegs, viele Anleger suchen neue Geld-Parkplätze, an denen eben noch keine Verwahrentgelte gefordert werden.

So sieht es bei der Volksbank Westerkappeln-Wersen aus

Die aktuelle Geldmarkt lässt natürlich die Volksbank Westerkappeln-Wersen nicht kalt. „Wir schwimmen im Moment auch in der Liquidität“, sagt Bankvorstand Jörg Wehmeier. Verwahrentgelte für große Summen seien deshalb ein Thema. „Wir berechnen den Kunden im Moment noch nichts, denken aber laut darüber nach.“

Reagiere die Volksbank nicht auf die Entwicklung, zahle sie letztlich drauf. „Wir parken das Geld bei der Zentralbank uns zahlen dafür Zinsen“, gibt Wehmeier zu bedenken. Wenn sein Haus Verwahrentgelte berechne, werde dies aber nur für Geschäftskunden gelten. Mit einer Bilanzsumme von 136,6 Millionen Euro ist die Volksbank Westerkappeln-Wersen im Vergleich zur Kreissparkasse Steinfurt (3,6 Milliarden Euro) oder zur VR-Bank Kreis Steinfurt zwar nur ein kleiner Wettbewerber, aber auch sein Haus habe Kunden, die große Summen unterbringen möchten, betont Wehmeier. „Bei den Privatkunden bringe ich das nicht übers Herz“, meint der Bankvorstand und schiebt nach: „Noch nicht.“ Da keine Änderung der Geldpolitik in Sicht ist, rechnet Wehmeier damit, dass auch Kleinanleger künftig Negativzinsen zahlen müssten. 

Und nicht nur das: Im Gespräch sind jetzt schon Minuszinsen bei Krediten, die Banken vergeben. Einige Hypothekenbanken machten dies schon mit kommunalen Partnern, weiß Wehmeier zu berichten. „Das ist völlig verrückt, aber es passiert.“ (fk)

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„Firewall“ greift ab zwei Millionen Euro

Noch einmal: Gegensteuern ist das Ziel. Das macht ein Blick deutlich auf die Auswirkungen einer ungebremsten Verlagerung von Liquidität zur hiesigen Sparkasse: Werden in einem Jahr 100 Millionen Euro zusätzlich angelegt, muss die KSK 400.000 Euro aufwenden, um dieses Geld im Interbankengeschäft zu parken. Kommen 500 Mio. Euro rein, muss die KSK zwei Mio. Euro Negativzinsen zahlen. Wäre es eine Milliarde, fielen satte vier Millionen Euro an. So kann kein Institut überleben.

Daher hat sich die Kreissparkasse quasi für eine „Firewall“ als Schutzmaßnahme gegen den Geld-Zufluss entschieden: Bei Geschäftskonten, die ab September 2016 neu eingerichtet worden sind, fallen ab einem Guthaben von über zwei Millionen Euro 0,4 Prozent Verwahrentgelt an. Bestehende Geschäftskundenverbindungen sind nicht betroffen. Für Bestandskunden werden Sockelbeträge im Rahmen des bisherigen Volumens der Geschäftsbeziehungen festgeschrieben. Übrigens: Von den rund 10.000 Geschäftskunden sind nur rund 50 Kunden betroffen.

Geld verdienen will und wird die KSK mit den Verwahrentgelten also nicht: „Wir haben keinen Cent eingeplant, wir gehen nicht davon aus, dass wir damit Einnahmen kassieren.“ Sehr wohl aber hofft man im Hauses Kreissparkasse, den Wirbelsturm des EU-Finanzmarktes ein kleines Bisschen besser zu überstehen.

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