Ausprobiert: Selbstverteidigung und Selbstbehauptung
Täter suchen sich Opfer, keine Gegner

Sendenhorst -

Zwölf Frauen jeden Alters hatten sich am Sonntag eingefunden, um von Dozentin Jenny Newiak Selbstverteidigungstechniken und die richtige Körpersprache zu lernen, um unangenehme und bedrohliche Situationen zu bewältigen. WN-Mitarbeiterin Anke Weiland hat mitgemacht und viel gelernt.

Dienstag, 01.11.2016, 06:00 Uhr

Bei allen Selbstverteidigungsmaßnahmen sind die richtige Technik und der volle Körpereinsatz wichtig. Bis die Frauen sich trauen, fest zuzutreten, braucht es eine Weile.
Bei allen Selbstverteidigungsmaßnahmen sind die richtige Technik und der volle Körpereinsatz wichtig. Bis die Frauen sich trauen, fest zuzutreten, braucht es eine Weile. Foto: Anke Weiland

„Ich möchte mich sicherer fühlen, wenn ich allein unterwegs bin. Ich wüsste nicht, wie ich mich verhalten soll, wenn ich belästigt werde. Ich könnte wahrscheinlich nicht einmal laut schreien.“ Mit ihren Erwartungen sind die Teilnehmer im sechsstündigen VHS-Kursus „ Selbstbehauptung und Selbstverteidigung für Frauen“ nicht alleine. Zwölf Frauen jeden Alters haben sich am Sonntag eingefunden, um von Dozentin Jenny Newiak Selbstverteidigungstechniken und die richtige Körpersprache zu lernen, um unangenehme und bedrohliche Situationen zu bewältigen. WN-Mitarbeiterin Anke Weiland hat mitgemacht und viel gelernt.

"Erst nach etwa 2000 Wiederholungen ist eine Bewegung automatisiert"

Eins stellt die Kursusleiterin gleich klar: „Das ist nur ein Einstieg in die Thematik. Kampfsport trainiert man nicht umsonst jahrelang. Erst nach etwa 2000 Wiederholungen ist eine Bewegung automatisiert.“ Die Situationen, in denen sich die Frauen unwohl fühlen, sind schnell zusammengefasst: bei der Begegnung mit männlichen Gruppen oder alkoholisierten Personen oder auf einsamen Wegen. „Das ist in allen Gruppen ähnlich. Doch ihr müsst wissen, eine deutliche Mehrzahl der Übergriffe findet in der Familie oder im privaten Umfeld statt“, erklärt Newiak. „Und die Wahrscheinlichkeit, dass auf öffentlichen Plätzen etwas passiert, ist wesentlich größer als zum Beispiel im Wald“, möchte sie zum einen die Angst etwas nehmen, aber auch ein Bewusstsein dafür schaffen, wo die eigentliche Gefahr liegt.

Und Jenny Newiak wird es wissen, seit Jahren lehrt die freiberufliche Reitlehrerin aus Drensteinfurt mit zweitem Standbein bereits Selbstbehauptung und Selbstverteidigung. Einen speziellen Trainerschein dafür hat sie beim Landessportbund gemacht. Zudem trainiert sie einige Kampfsporttechniken wie Kung Fu und Ju Jutsu in Münster.

Zu Beginn einige Schlagtechniken mit der Faust

Angelehnt an den Kampfsport zeigt sie den Teilnehmerinnen zu Beginn einige Schlagtechniken mit der Faust. „Ihr braucht dazu einen festen Stand.“ Nachdem zunächst geklärt wurde, wie man denn eine richtige Faust macht, ohne sich den Daumen beim Schlag zu verletzen, wird geübt. Ein Schritt, zwei Schläge – der Schrei, der dazu gehört, klingt noch ziemlich unsicher. Es ist tatsächlich schon anstrengend, denn die richtige Technik und voller Körpereinsatz sind wichtig, wenn der Schlag sitzen soll. Da kommen die Teilnehmerinnen schon etwas ins Schwitzen.

"Traut euch"

Als besonderes „Highlight“ dürfen die Frauen eine Runde gegeneinander Boxen. „Traut euch“, ermuntert Newiak immer wieder zum Angriff. „Und die Deckung hoch.“ Die ersten zögerlichen Angriffe und kleinen Treffer ermutigen, etwas aus sich herauszugehen. Es macht sogar richtig Spaß.

„Da die Beine stärker sind, als die Arme, macht es Sinn, auch sie zu trainieren“, leitet die Dozentin die nächste Trainingseinheit ein. Während sie mit dem Schlagpolster herumgeht, und bei der richtigen Tritttechnik hilft, verlieren die Teilnehmerinnen zunehmend ihre Hemmungen und trauen sich mehr und mehr, mit voller Kraft zuzutreten.

Täter suchen sich ein Opfer, keine Gegner

„Die meisten Täter suchen sich ein Opfer, keine Gegner“, macht sie klar. „Eine gewisse Ausstrahlung schreckt schon ab. Und wenn man sich wehrt, wird es wehtun, damit muss man rechnen“, fordert sie auf, auch bei den Übungen nicht so zimperlich zu sein und die roten Fingerknöchel zu ignorieren. Oft gehe es bei der Gegenwehr aber auch um den Überraschungsmoment. „Da ist die richtige Technik nicht vorrangig.“ Von Pfeffersprays und anderen Waffen hält die Kampfsportlerin übrigens gar nichts. „Da kann man jemanden mit töten, darüber muss man sich im Klaren sein.“ Auch müsse der Umgang geübt werden, und so eine Waffe könne leicht gegen einen selbst benutzt werden. „Sie gibt lediglich ein subjektives Gefühl der Sicherheit.“

Drei wichtige Elemente der Selbstbehauptung

Die Körpersprache, das Stopp-Signal und ein klarer Augenkontakt – das sind drei wichtige Elemente der Selbstbehauptung, um die es nun geht, lernen die Teilnehmerinnen in diesem Seminar. Denn die sei bei Frauen nicht sehr ausgeprägt, bemängelt Newiak und macht das heutige Frauenbild, das unter anderem Sendungen wie „Germanys next Topmodel“ vermitteln, dafür verantwortlich. „Die Mädchen dort müssen immer über ihre Grenzen gehen und dabei noch lächeln und freundlich sein.“

Nicht kleinmachen und wegdrehen

Doch Selbstbehauptung gehe da los, wo die eigene Grenze überschritten wird. Aber wie sagt man einer Person, dass sie gehen soll, wenn man nicht angesprochen werden will? Die Übungen dazu sind schwierig, denn auch die Frauen im Kursus sind dafür anfänglich noch viel zu nett zu ihrem Gegenüber. Aber gerade deswegen ist das Training natürlich gerade wichtig. Nicht kleinmachen und wegdrehen, sagt die Dozentin: „Man kann gezielt seinen Status hochsetzen, auch wenn man sich innerlich nicht so fühlt. Mit einer geraden Körperhaltung und einem direkten Blick in die Augen.“

Freundlichkeit muss Bestimmtheit weichen

Und irgendwann müsse die Freundlichkeit einer Bestimmtheit weichen, wenn man belästigt werde. Dann kann ein ganz bestimmter Satz helfen: „Bitte lassen sie mich in Ruhe, ich kenne sie nicht.“ Das könne auch öfter und laut wiederholt werden. Wenn die Person darauf nicht reagiert, heißt es dann irgendwann: „Hau ab.“ Leichter gesagt als getan.

Die Frauen machen sich daran, das oft und in verschiedenen Situationen zu üben, bis wirklich auch das „Hau ab“ in einer unüberhörbaren Lautstärke herausplatzt. Das geht tatsächlich schon unter die Haut.

Auch das Thema „Zivilcourage“ wird von den Teilnehmerinnen im Laufe des Tages immer wieder diskutiert. Von der Trainerin bekommen sie einige Anregungen, wie jemand anderem geholfen werden kann, ohne sich selbst dabei in Gefahr zu begeben.

Auf der Flucht ein Ziel ansteuern, dass belebt ist

Die Befreiung aus einer Umklammerung steht danach auf dem Programm. Dabei ist das Motto „Schock, Ausbruch und Ziel“ zum Gelingen wichtig, lernen die Frauen. Geschockt wird mit einem kräftigen Fußtritt. Wenn der Angreifer dann lockerer lässt, kann man sich mit einer Drehung und einem Armbewegung aus der Umklammerung befreien. Auf der Flucht sollte dann ein Ziel angesteuert werden, dass belebt ist, führt Jenny Newiak aus. Auch im und am Auto werden die verschiedenen Techniken geübt, dazu gibt die Kursusleiterin viele Tipps.

Techniken verinnerlichen und einüben

Eines wird jedoch auch klar: Diese Techniken müssen verinnerlicht und geübt werden. Denn für einen Tag war das sehr viel Interessantes, aber auch Neues. Mehr Sicherheit hat der Kursus den Frauen aber auf jeden Fall gegeben, gerade auch in Bezug auf die Selbstbehauptung. Und das mit dem laut „Hau-ab“-Schreien wird jetzt sicher auch klappen.

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