Die Geschichte eines afghanischen Flüchtlings
„Ich hoffe, dass ich bleiben darf“

Warendorf -

Shahabuddin Saqib erinnert sich nur ungern zurück. Ende 2015 flüchtete der 21-jährige Afghane aus seinem Heimatland. Vier Monate dauerte seine Odyssee. Im Februar dieses Jahres kam er in Deutschland an. Seitdem kämpft er für ein normales Leben und versucht, sich – so gut es geht – zu integrieren. Trotzdem wurde sein Asylantrag vorläufig abgelehnt. Den Grund kann er nicht verstehen.

Montag, 31.10.2016, 06:00 Uhr

Shahabuddin Saqib freut sich, dass er in der Stadtbücherei in Warendorf die Möglichkeit bekommt, Deutsch zu lernen. Gerne würde der 21-jährige Flüchtling aus Afghanistan ein Praktikum machen. Noch ist er auf der Suche.
Shahabuddin Saqib freut sich, dass er in der Stadtbücherei in Warendorf die Möglichkeit bekommt, Deutsch zu lernen. Gerne würde der 21-jährige Flüchtling aus Afghanistan ein Praktikum machen. Noch ist er auf der Suche. Foto: Wiening

Ein cleveres Köpfchen ist Shahabuddin. Der 21-Jährige lebte bis Ende letzten Jahres in einer Stadt im Norden von Afghanistan. 2013 schaffte er sein Abitur, kurze Zeit später begann er ein Studium. Nicht ganz drei Semester schaffte er, dann musste er fliehen. „Mein Onkel ist ein großer Mann bei den Taliban. Er wollte nicht, dass ich zur Universität gehe. Er wollte, dass ich in einer Moschee lerne oder mit den Taliban in den Krieg ziehe“, berichtet Shahabuddin und erzählt weiter: „Als ich das verweigerte, wollte er mich töten.“ Zu diesem Zeitpunkt lebten seine Eltern schon nicht mehr. Shahabuddin entschloss sich zu fliehen.

"Hauptsache, ich bin in Sicherheit."

Mit dem Auto und zu Fuß durchquerte er zuerst sein Heimatland. Über Pakistan und weitere Umwege gelangte er in die Türkei. „Ich musste viel Geld bezahlen, um so weit zu kommen.“ Von der Türkei ging es mit dem Boot weiter nach Griechenland. Von dort wurde der junge Afghane nach Deutschland geschickt. Von da ging es nach Brüssel, ehe er wieder nach Deutschland kam. Warum dieses Hin und Her? „Ich habe keine Ahnung“, sagt Shahabuddin. „Mir war es auch relativ egal wohin ich komme. Hauptsache, ich bin in Sicherheit.“

In Warendorf war er zuerst in der Flüchtlingsunterkunft in der Mielestraße untergebracht, einige Zeit später in der Unterkunft in der Hermannsstraße. Nach ein paar Wochen in der ehemaligen Von-Ketteler-Hauptschule wurde der Geflüchtete von einer Familie in Sassenberg aufgenommen. „Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt er.

"Ein beeindruckender junger Mann, total hilfsbereit und motiviert."

Shahabuddin war von Anfang an sehr ehrgeizig. Seit Juni fährt er jeden Tag mit dem Rad nach Warendorf. In der Stadtbücherei wird er von Ehrenamtlichen in der deutschen Sprache unterrichtet. Inzwischen kann er schon ganze Gespräche führen. Alleine einkaufen ist kein Problem mehr. In Sassenberg spielt er seit einiger Zeit Tischtennis im Verein. „Ich will viele Kontakte knüpfen. Dadurch lernt man die Sprache am besten.“ In seinem Zuhause in Sassenberg liest Shahabuddin jeden Tag Zeitung und guckt Fernsehen. Alles, damit er so schnell wie möglich perfekt Deutsch spricht. „Er ist ein beeindruckender junger Mann, total hilfsbereit und motiviert. Außerdem lernt er sehr schnell“, erzählt Angela Hinzen. Die Mitarbeiterin der Stadtbücherei erlebt den jungen Afghanen fast jeden Tag.

Und dennoch: Sein Antrag auf Asyl wurde vorläufig abgelehnt

Jetzt bekam Shahabuddin Post von den deutschen Behörden. Eine schlechte Nachricht: Sein Antrag auf Asyl wurde vorläufig abgelehnt. Warum, kann sich der junge Afghane nicht erklären.

„Nach meinen Informationen sei seine Begründung für den Antrag nicht glaubwürdig. Als er im Sommer nach Münster musste, um den Antrag zu stellen, hatte er wohl auch keine Unterstützung. Er hätte kaum eine Möglichkeit gehabt, sich zu erklären“, glaubt Hinzen, die sich für Shahabuddin einsetzt. Der hat Einspruch eingelegt und bekommt nun Hilfe von einem Anwalt. Abgeschoben werden kann er vorerst nicht.

Er möchte sich einbringen und den Menschen in Deutschland etwas zurückgeben

Jetzt sucht der sympathische junge Mann ein Praktikum. „Ich würde gerne etwas machen. Als Automechaniker, Maler oder in einem Restaurant“, wünscht sich Shahabuddin. Er möchte sich einbringen und den Menschen in Deutschland etwas zurückgeben. „Die Leute sind alle so nett. Ich bin so dankbar hier zu sein. Ich hoffe, ich darf für immer bleiben. Ich wünsche mir so sehr, dass ich irgendwo ein Praktikum bekomme und später vielleicht eine Ausbildung machen kann.“

Rückkehr nach Afghanistan würde wohl seinen Tod bedeuten

Eine Alternative hat Shahabuddin Saqib auch nicht. Eine Rückkehr nach Afghanistan ist auf jeden Fall nicht vorstellbar. Sie würde wohl seinen Tod bedeuten. . .

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