Tanzangebot so vielfältig wie nie
Lebensart mit Taktgefühl

Münsterland -

1, 2, Cha-Cha-Cha....! Na, sitzt er noch bei Ihnen? Wer einmal sein Rhythmusgefühl entdeckt und direkt in die Füße geleitet hat, verlernt das Tanzen nicht mehr. Und immer mehr Menschen entdecken die Leidenschaft für die Bewegung zur Musik wieder – beim Standard-Tanzen, in Kursen an der Schwelle zur Fitness und Stilen, die sich frisch entwickeln oder für neue Zielgruppen öffnen. Weil Tanzen nicht allein Sport ist, sondern viele Facetten in sich vereint, die eines gemeinsam haben: die Freude an der Bewegung.

Dienstag, 01.11.2016, 17:00 Uhr

Tanzangebot so vielfältig wie nie : Lebensart mit Taktgefühl
Die verschiedenen Tanzstile inspirieren auch das Fitnessangebot. Seit Zumba gibt es so viele neue Kurse wie selten. Foto: Colourbox.de

Das Aufkommen der Sohlen auf dem Holzparkett begleitet das leise Rauschen der Stoffe. Ein moderner Song im Walzerrhythmus gibt den Takt vor. Konzentriert auf sich selbst drehen sich die Paare durch den Saal, um sich nach einigen Zügen wieder von einander zu lösen, zu sprechen, erneut Haltung anzunehmen für eine neue Runde.

Für Petra Voosholz und Bernd Farwick ist Tanzen die schönste Nebensache der Welt. Sie tanzen Standard auf Weltniveau.

Für Petra Voosholz und Bernd Farwick ist Tanzen die schönste Nebensache der Welt. Sie tanzen Standard auf Weltniveau. Foto: Wilfried Gerharz

Ein imposantes Bild – und doch nur Training. Hobby. Wie jeden Mittwochabend im Saal des Tanzsportclubs Ems-Casino Blau-Gold Greven. Bernd Farwick und Petra Voosholz haben die ersten Runden gedreht. Sie sind angekommen in diesem anderen Leben abseits von Arbeit und Alltag. Angekommen in ihrem zweiten Zuhause. Als Tanzpaar gehören sie zu den besten ihrer Altersklasse in ganz Deutschland. Als amtierender Landesmeister haben sie Anfang Oktober ihre Karriere in Berlin mit dem Titel des „Deutschen Meisters“ (Senioren Klasse III) in den Standardtänzen gekrönt. Obwohl sie „nur“ Amateure sind: Sie brennen für das Tanzen.

Harmonie und Erfüllung

Ein Sport, der Disziplin, Perfektionismus und Talent belohnt. Ein Sport, der aber zugleich Leichtigkeit und Dynamik braucht. Als ehrgeizige Menschen mit einem ausgeprägten Hang zur Ästhetik bringen die 56-jährige Münsteranerin und der 54-Jährige aus Osnabrück diese Eigenschaften mit. „Ich bewege mich einfach gerne zu Musik und bringe Körper und Musik in Einklang“, sagt Petra Voosholz, die über sich sagt, sie habe ihre Jugend in der Tanzschule verbracht. Mit dem Studium kam der Zeitmangel. Über Jahrzehnte sah sie kein Parkett – bis sie das Tanzen Ende der 90er Jahre wieder packte. 2007 traf sie mit Bernd Farwick den für sie in Proportionen und Chemie optimalen Tanzpartner. Sportliche Erfolge auf Weltniveau folgten.

Nach der ersten Stunde bin ich über die Straße nach Hause getanzt.

Bernd Farwick

"Für mich ist das Tanzen die schönste Nebensache der Welt“, sagt der Einkäufer eines großen Modehauses. „Schöne Musik, nette Menschen, angenehme Atmosphäre“, zählt er die Komponenten auf, die für ihn diese Nebensache ausmachen. Und das schon seit 40 Jahren. Das Feuer entfachte auch bei ihm die klassische Tanzschule: „Nach der ersten Stunde bin ich über die Straße nach Hause getanzt.“

Wenn sie über internationale Turniere sprechen, erwähnen sie die große Tanzsport-Familie, die sich dann treffe. Für Petra Voosholz ist jedes Training – dreimal die Woche – eine Familiensache, denn auch ihr Ehemann tanzt. Training, Turniere, die Vorbereitungen – Teamwork innerhalb der Familie. Das verbindet. Und lässt Petra Voosholz sagen: „Tanzen, das ist für mich Erfüllung.“

Westcoast-Swing

Der Westcoast-Swing ist ein Paartanz, der im Vergleich zu anderen Swing-Tänzen in einem schmalen, länglichen Korridor getanzt wird. Dem Mann wird sehr viel Feingefühl bei der Führung abverlangt, da die Bewegungen weich und flüssig wirken sollen. Seine Ursprünge hat er in den USA, ist in Kalifornien sogar der offizielle Tanz des Bundesstaates. Deutsche Tanzschulen nehmen Westcoast-Swing erst seit Kurzem in ihr Programm auf, die Nachfrage ist jedoch hoch. Das liegt auch daran, das der Stil sowohl auf Disco- als auch Pop- und Hip-Hop-Musik getanzt werden kann.

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„Man kann in jedem Alter anfangen“

Jenny Wilming kann das nachvollziehen: „Wenn ich zum Ballett gehe, vergesse ich, dass ich Ehefrau und Mama bin. Dann mache ich etwas nur für mich.“ Die 34-Jährige hat nach der zweiten Babypause begonnen, wofür sie sich eigentlich schon zu alt wähnte: Sie hat angefangen, Ballett zu tanzen.

Jeden Freitag bindet sie ihre Haare zum Dutt, streift Tanzschläppchen über die Füße und lernt Positionen, feilt an Haltung und Körperspannung. Und hat sich damit einen Traum erfüllt, den sie schon als Kind geträumt hat, zu dessen Erfüllung es aber irgendwie nie kam. „Man bekommt das ganze Lebensgefühl mit, das Ballett mit sich bringt“ – bis hin zum Ehrgeiz, der geweckt wird, wenn es darum geht, reif für die Klasse der Fortgeschrittenen zu werden. Und Jenny Wilming ist bei Weitem nicht die älteste Tänzerin in ihrer Ballettklasse.

Das geht rauf bis Mitte 50, sagt David Rebel, in dessen Tanzschule am münsterischen Germania-Campus die Horstmarerin lernt. Gerade die Kurse für Ballett-Anfänger ohne Vorkenntnisse – seit etwa 15 Jahren im Programm – gehörten zu den gefragtesten Angeboten, die immer als erstes ausgebucht seien. „Man kann in jedem Alter anfangen und ein gewisses Level erreichen“, wehrt sich Rebel gegen den Mythos vom Einstieg in das Tanzen, der vermeintlich nur als Kind oder Jugendlicher möglich sei. Für die reifen Ballerinas seien die Kurse oft eine Alternative zum Fitnessstudio und ein künstlerischer Sport, der Haltung schule und den ganzen Körper fordere.

Für jeden der richtige Tanzstil

„Die Seniorenklassen sind voll“, hat auch Bernd Farwick in seiner Tanzszene festgestellt. Die starken Jahrgänge, die in den 70er und 80er Jahren die Tanzschulen besuchten, haben Lust auf das Tanzen und den Wettbewerb bei Turnieren. „Und Sendungen wie ‚Let‘s dance’ haben da bei der Akzeptanz einiges bewirkt“, sagt Voosholz. Die Vielseitigkeit des Sports halte für jeden Geschmack einen Stil bereit. „Das Tanzen ist im Moment sehr breit angelegt.“

Agilando

Agilando ist eine Kombination aus tänzerischer Gymnastik und unterhaltsamen Tänzen, die Geist und Körper gleichermaßen in Form halten soll. Es handelt sich nicht um einen klassischen Paartanz, der Schwerpunkt liegt vielmehr auf unterschiedlichen Schrittfolgen und rhythmischer Gymnastik. Mit dem Angebot nehmen Tanzstudios vor allem die Generation 50+ in den Blick, die sich fit halten möchte und vor allzu anspruchsvollen Tanzformen zurückschreckt. Deshalb wird auf Schmerzen oder Erkrankungen Rücksicht genommen.

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Von Breakdance bis Israeli Dances

Das lässt sich auch am Angebot des Hochschulsports in Münster ablesen. Gesellschaftstanz, Rock‘n‘Roll, Salsa, Tango, Ballett, Breakdance, Capoeira, Jazz- und Modern Dance, Hip Hop, Balkantänze, Israeli Dances, orientalischer Tanz oder Mittelalter- und Renaissancetanz – es gibt fast nichts, das es nicht gibt. „Vor 18 Jahren waren es im Vergleich dazu noch deutlich weniger Tanzangebote “, berichtet Luisa Lehmann vom Hochschulsport Münster. Nicht nur die Tanzkursangebote hätten sich seither vervielfacht. Auch die Nachfrage ist entsprechend gestiegen.

Tanz-Fitness

Ob Zumba, Power oder Latin Dance: Beim Tanzen lassen sich herrlich Kalorien verbrennen und der Spaß am Tanzen mit dem gesundheitlichen Nutzen von Sport verbinden. „Tanz-Fitness ist immer gefragt“, weiß Christian Duffke, Inhaber der Steinfurter Tanzschule Ballroom-Tanzhaus. Die Musik reißt die Teilnehmer automatisch mit, sie kommen ins Schwitzen und tun etwas für ihr Herz-Kreislauf-System. Nachdem Zumba vor einigen Jahren eine Lanze für Workouts mit Tanzelementen brach, gibt es inzwischen viele Variationen. Grundlage sind immer die verschiedenen Tanzstile: So gibt es Salsa-Bootcamps, Bootcamps für Bachata, Latin Dance Workouts mit Reageton oder Ballroom Workouts mit Elementen aus Gesellschaftstänzen.

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Das zeige sich insbesondere auch am Ball des Hochschulsports. Jeweils zum Semesterende kommen 1000 Tänzerinnen und Tänzer aus den Gesellschaftstanz- und Salsatanzgruppen in die Mensa am Ring. „Das hat mal mit 300 bis 400 Teilnehmern in der Stadthalle Hiltrup angefangen“, erinnert sich Hochschulsportmitarbeiter und Ball-Organisator Tim Seulen.

Allein für die sieben verschiedenen Hip Hop-Kurse im aktuellen Wintersemester sind 220 Studierende angemeldet. Alle Kurse sind ausgebucht und haben Wartelisten. Hip Hop ist bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen das, was Disko-Fox und Gesellschaftstanz für Leute ab 30 Jahren sind: ein Evergreen unter den Tanzstilen.

Emotionsgeladen, sexy und selbstbewusst

Es ist halb zehn Uhr abends in einem Gymnastikraum des Hochschulsports Münster. Nataliya Chelnokova schickt über ihr Handy einen Hip Hop-Song auf die Stereoanlage und läuft hüpfend in schwarzer Jogginghose und weißem T-Shirt mit einem großen gelben Smily darauf vor ihre Tanzgruppe. Breitbeinig stellen sich alle vor einen großen Spiegel und beginnen, nickend ihre Nackenmuskulatur aufzuwärmen. Den Kopf werden sie bei Jazz Funk häufiger in den Nacken werfen, warnt die 24-jährige IT-Studentin vor.

Wenn ihr diesen Raum betretet, vergesst eure Schüchternheit und alle, die euch anschauen.

Nataliya Chelnokova

Nach weiteren Aufwärmübungen erklärt Chelnokova den Stil des Tanzes: emotionsgeladen, sexy und selbstbewusst. Eine Mischung aus der Flexibilität und Ästhetik des Jazz Dance und der Coolness und Aggression des Hip Hop. „Wenn ihr diesen Raum betretet, vergesst eure Schüchternheit und alle, die euch anschauen. Verhaltet euch, als wärt ihr die besten.“ Diese innere Haltung spiegelt sich in den Bewegungen wider: Mit bestimmten Schritten, ausladenden Hüftbewegungen und locker kreisenden Schultern läuft die Tanzlehrerin, die in St. Petersburg vier Jahre mit dem Ballett-Show-Ensemble Todes tanzte, auf den Spiegel zu, die Studentinnen hinterher. Der einzige Mann im Raum kichert angesichts dieser weiblichen Gangart.

Clowning und Krumping

Thomas Johnson hat das Clowning Anfang der 1990er Jahre unter dem Motto „Lieber cool tanzen als kriminell zu werden“ in Los Angeles etabliert. Die Bewegungen entstammen dem Hip Hop und werden denen eines Clowns angeglichen. Zudem treten die Tänzer maskiert auf. Anders ist es beim Krumping, der wesentlich dynamischeren und aggressiveren Weiterentwicklung des Clowning. Krumping-Tänzer wollen weniger unterhalten als mit ihrer Performance eine Geschichte zu erzählen.

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Jetzt kommen die Arme mit ins Spiel. Mit den Handgelenken nach vorne gestreckt schreiten die Tänzerinnen wieder auf den Spiegel zu. Dann machen alle einen Schritt nach links, beugen ihren Oberkörper mit ausgestreckter Brust vornüber, der Kopf fällt mit fliegendem Haar hinterher.

Nach dieser kurzen Einführung schaltet Nataliya Chelnokova auf ruhige Pop-Musik um. Die Teilnehmerinnen stretchen sich, einige kommen im Spagat auf den Boden. Viele haben jahrelange Tanzerfahrung. Eine davon ist Karoline Ligocki. Seit ihrem fünften Lebensjahr tanzt sie. Zunächst zehn Jahre lang Ballett, später Standard, Jazz und Modern Dance. Im vergangenen Semester traute sie sich an  Jazz Funk heran. „Sobald ich Musik höre, lege ich los“, sagt die 23-Jährige Jurastudentin, die ihre wenige Freizeit mit Tanzen füllt. „Dabei kriegt man den Kopf so schön frei.“

Dem Zeitgeist auf der Spur: Interview mit Tanz-Trendscout Markus Schöffl

Markus Schöffl ist ehemaliger Profi-Tänzer, Inhaber einer Tanzschule in Limburg und Trendscout des Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverbandes (ADTV). Für Tanzschulen deutschlandweit beobachtet der ehemalige „Let‘s Dance“-Juror Strömungen in Musik, Choreografie und Lifestyle und blickt für unsere Zeitung auf den Stand der Dinge.

Welche Trends und Entwicklungen lassen sich in Tanzschulen beobachten?

Markus Schöffl: Wir unterscheiden zwischen kurz- und langfristigen Trends: Kurzfristig, wenn sie sich an Sommerhits wie „Macarena“ oder „Ai Se Eu Te Pego (Nossa, nossa)“ orientieren. Da gab es allerdings in diesem Jahr nichts Eindeutiges. Und wir haben die langfristigen Trends, die aktiv gesetzt werden. Der Welttanzverband erklärt in jedem Jahr einen Stil zum „Tanz des Jahres“. In diesem Jahr ist es die Samba. Als Trendscout ist es unter anderem meine Aufgabe, für die Tanzschulen des ADTV neue Bewegungsformate im Zeitgeist zu entwickeln, daraus beispielsweise einen Latin-Schlager werden zu lassen. Daher ist eine Samba von heute ganz anders als vor 20 Jahren zu Hugo-Strasser-Klängen. Heute ist es oft eine Hand-in-Hand-Arbeit mit den Plattenfirmen.

Was hat sich in den Tanzschulen verändert?

Schöffl: Wir sind breit aufgestellt – von einem Aerobic-Programm „Fit dank Baby“ für Mütter, die ihr Kind in der Bauchtrage dabeihaben, bis hin zum Tanzen besonders für Senioren. Junge Paare entdecken das Tanzen als Freizeitangebot. Andere entdecken das Tanzen als Plattform, wieder einmal etwas miteinander zu unternehmen. Dabei gibt es Parallelen zur Mode, zur Ernährung, zur Freizeit generell: Qualität zählt mehr.

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