Durchsuchung in Münster
Preisabsprachen: Kartellamt rückt Agravis erneut auf den Pelz

Münster -

Agravis ist zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres in den Fokus des Bundeskartellamts gerückt. Die Wettbewerbsaufsicht prüft, ob sich Europas zweitgrößter Agrarhändler an verbotenen Preisabsprachen bei Landmaschinen beteiligt hat. Auch die Zentrale in Münster wurde – erneut – durchsucht.

Donnerstag, 10.03.2016, 15:47 Uhr

Die Agravis-Konzernzentrale in Münster: Fahnder des Bundeskartellamts hatten Europas zweitgrößten Agrarhändler Ende Januar zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres durchsucht. Es geht um Preisabsprachen bei Pflanzenschutzmitteln und Landmaschinen.
Die Agravis-Konzernzentrale in Münster: Fahnder des Bundeskartellamts hatten Europas zweitgrößten Agrarhändler Ende Januar zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres durchsucht. Es geht um Preisabsprachen bei Pflanzenschutzmitteln und Landmaschinen. Foto: Agravis

Fahnder hätten ­Ende Januar die beiden Zen­tralen in Münster und Hannover durchsucht, bestätigte Agravis-Vorstandschef Clemens Große Frie am Mittwoch. Die Wettbewerbsaufsicht prüft, ob sich Europas zweitgrößter Agrarhändler an verbotenen Preisabsprachen bei Landmaschinen beteiligt hat. Untersucht wird auch, ob die Höhe der Stundenlöhne in Werkstätten abgekartet war. Razzien hatte es unter anderem auch beim größten Wettbewerber, dem Agrarhandelskonzern BayWa in München, und Deutschlands drittgrößter Agrar-Haupt­genossenschaft RWZ in Köln gegeben.

Agravis steht bereits seit Februar 2015 zusammen mit sechs weiteren Großhändlern im Verdacht, die Preise von Pflanzenschutzmitteln abgesprochen zu haben. Zwei der betroffenen Unternehmen hatten seinerzeit sofort von der Kronzeugen-Regelung Gebrauch gemacht. Dabei gilt: Wer zuerst gesteht, zahlt am wenigsten. Üblicherweise wird dem ersten geständigen Unternehmen das Bußgeld komplett erlassen. Für die nachfolgenden Firmen sind Rabatte von bis zu 50 Prozent möglich. Auch ein späteres Schuldeingeständnis, verknüpft mit der Lieferung von Beweismitteln, kann ein Bußgeld noch reduzieren.

Agravis in Zahlen

Größte Umsatzbringer für Agravis sind die Bereiche Pflanzen (Saatgut, Dünger, Pflanzenschutz, Rohstoffe), und Tierfutter sowie Tiermedizin. Zudem ist der Konzern im Bereich Landtechnik (Fendt, Claas, New Holland), Energie (Kraftstoffe, Heizöl) und Handel (Raiffeisen-Märkte) tätig.
► Umsatz: 6,94 Milliarden €  (minus fünf Prozent)
► Gewinn vor Steuern: 45,1 Mio. €  (plus zehn Prozent). Zum Gewinn nach Steuern macht Agravis keine Angaben.
► Über 400 Standorte mit 6323 Mitarbeitern.

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Die Agravis-Führungsriege zeigt sich angesichts der Vorwürfe zerknirscht. „Es ist kein schönes Gefühl, wenn die grauen Bullis vorfahren und Kartellamt und Kripo alles auf links ziehen“, sagte Große Frie. Genau wie im vergangenen Jahr sei sich der Konzern aber keiner Schuld bewusst. „Wir haben ein ganz gutes Gewissen“, beteuerte der Vorstandschef. Große Frie räumte zugleich ein, dass er in einem Unternehmen mit über 6000 Angestellten nicht für jeden Mitarbeiter die Hand ins Feuer legen könne. Rückstellungen für mögliche Strafzahlungen oder spätere Schadenersatzklagen von Kunden – wie derzeit in der Zuckerbranche – seien nicht gebildet worden.

Von den Ermittlungen zu Preisabsprachen bei Pflanzenschutzmitteln sind nach Informationen unserer Zeitung drei Manager und Bereichsleiter bei Agravis betroffen. Zum Ausmaß der Ermittlungen im Bereich Landmaschinen gibt es widersprüchliche Angaben.

Große Frie kritisierte, dass das Raiffeisen-System und damit das Regionalprinzip zunehmend im Fokus des Kartellamts stehe. Das Regionalprinzip setzt auf den Grundsatz der Ortsverbundenheit bei Genossenschaften oder auch Sparkassen. Gerade bei Agrargenossenschaften sind die regionalen Beschränkungen allerdings inzwischen faktisch gefallen.

Neben den kartellrechtlichen Ermittlungen hadert Agravis mit Preisschwankungen bei Rohstoffen. „Wir haben nicht das Geschäft erreicht, das wir erreichen wollten“, sagte Große Frie mit Blick auf 6,94 Milliarden € Umsatz,  der 400 Millionen €  unter dem Vorjahr liegt. Zugleich sei der Vorsteuer­gewinn um zehn Prozent auf 45,1 Millionen €  gestiegen. „Wenn ein Unternehmen elf bis zwölf Millionen Tonnen Getreide handelt, ist der Umsatz nicht der allein ausschlaggebende Punkt“, so der Agravis-Chef. 2016 soll der Umsatz bei 6,7 Milliarden €  liegen, der Vorsteuergewinn auf 48 Millionen €  steigen.

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