Zwei Gedenkstätten erinnern an die Opfer der Germanwings-Katastrophe
Anteilnahme in Stein und Stahl

Haltern -

Schon jetzt brennen am Fuß des massiven Granitblocks Grablichter, jemand hat eine Vase mit Rosen abgestellt. Auf dem Friedhof von Haltern am See, am Stadtrand in einem kleinen Waldstück, hat die Stadt eine Gedenkstätte für jene 16 Schüler und ihre zwei Lehrerinnen errichtet, die der Germanwings-Absturz am 24. März 2015 aus ihrer Mitte riss. Obwohl noch nicht offiziell eingeweiht, kommen die Bür­ger schon jetzt zum Erinnern und Anteilnehmen hierher.

Mittwoch, 12.08.2015, 21:15 Uhr

Auf dem Friedhof hat die Stadt Haltern diesen Gedenkort in Form eines Klassenzimmers eingerichtet.
Auf dem Friedhof hat die Stadt Haltern diesen Gedenkort in Form eines Klassenzimmers eingerichtet. Foto: dpa

Genauso angenommen wird noch vor seiner Einweihung ein zweites Denkmal für Halterns Absturzopfer: Die Schüler des Joseph-König-Gymnasiums kommen jetzt täglich auf dem Schulhof an einer großen Gedenktafel für ihre Mitschüler und die Lehrerinnen vorbei. Beide Monumente suchen ei­nen eigenen Weg des Erinnerns: Der eine als stiller Rückzugsort, der andere mitten im Leben.

„Das Unglück wird unsere Stadt immer begleiten“, sagt Halterns Bürgermeister Bodo Klimpel bei einem Besuch der kommunalen Gedenkstätten . Für Klimpel selbst ist die Anlage auch Ausdruck eines Versprechens, das er den Angehörigen gegeben hat: „Wir werden die Toten nicht vergessen.“

Das über geradlinige Wege begehbare und von lichten Hecken umsäumte Rasenfeld ist einem Klassenzimmer nachempfunden: 16 in Reihen angeordnete Zierapfelbäume stellen den Klassenverband dar. Vorne stehen zwei Bäume wie Lehrerinnen an der Tafel. Der große Gedenkstein ihnen ge­gen­über könnte ein Pult sein. Die Gravur auf dem hellgrauen Granit ist zurückhaltend: Ein schlichtes Kreuz über den Namen der Toten, darunter eine schwarze Trauerschleife mit der Flugnummer 4U9525. „Das ist schließlich das Symbol, das um die Welt ging“, sagt Klimpel. Fünf Gräber mit frischen Sommerblumen grenzen an die Gedenkfläche – fünf Familien der Absturzopfer entschieden, genau dort ihre Kinder zu beerdigen.

Nicht nur in der stillen Abgeschiedenheit des Friedhofs soll das Gedenken dauerhaft sichtbar bleiben: Mit einer stählernen Namenstafel am Aufgang zum Schulportal hat das Gymnasium ein ei­genes Zeichen gesetzt. Die Namen der Toten sind in die mit feinem roten Rost überzogene Stahlplatte gestanzt, bilden die Lücke, die sich nicht schließen lässt.

Der 24. März hat aus dem Gymnasium einen anderen Ort gemacht: Viele Schüler verloren schlagartig gute Freunde und ihre Lehrerinnen. Viele kennen Familien, die nun trauern. Alle haben erlebt, wie sich Schock und Fassungslosigkeit über die Kleinstadt breiteten.

Diesen Erfahrungen ausreichend Raum zu geben und Schülern zu helfen, trotzdem zurückzufinden zu einer auch mal unbeschwerten Normalität, hat sich Schulleiter Ulrich Wessel zur Aufgabe gemacht. Die Porträts der Verstorbenen hängen für alle sichtbar im Schulfoyer, ein Zimmer voller Andenken und Kondolenzschreiben steht als Rückzugsort offen.

18 Kirschbäume auf dem Schulhof und eine Blumenwiese rund um die neue Gedenktafel setzen Gegenpunkte zum rostigen Stahlmonument. „Gäbe es an unserer Schule keinen Raum für Trauer und Gedenken, hätte ich das Gefühl, die Kinder und ihre Lehrerinnen könnten viel zu schnell in Vergessenheit geraten“, begründet der Schulleiter.

Diese typische Angst, jemanden vorschnell zu vergessen, bestätigen Experten: „Orte und Symbole des Erinnerns haben eine ganz wichtige Funktion. Sie vermitteln das Gefühl: Jemand ist nicht vergessen und bleibt mir nah“, sagt die Psychotherapeutin Susanne Schaal.

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