Ein Besuch im Stall
Milchbauer Leonhard Große Kintrup: Keine Schmusetierhaltung!

Münster -

Der Ruf der konventionellen Landwirtschaft war schon mal besser. Die Bauern sehen sich als Garanten für eine sichere Ernährung. Aber sie geraten immer wieder in die Kritik – sei es wegen angeblicher Umweltverschmutzung, sei es wegen quälerischer Haltungsbedingungen des Nutzviehs. „Kommt doch mal vorbei“, sagte nun Milchviehhalter Leonhard Große Kintrup und öffnete für uns seinen Kuhstall nahe Münster.

Sonntag, 09.08.2015, 17:20 Uhr

Ein Besuch im Stall : Milchbauer Leonhard Große Kintrup: Keine Schmusetierhaltung!
Leonard Große Kintrup betreibt einen Milchviehbetrieb in Münster-Handorf. Foto: Gunnar A. Pier

Die Rotbunte mit der Nummer 912 am Ohr stapft in gemächlichem Schritt über den blanken Boden und verschwindet in einem Verschlag aus Metallgittern. Automatisch fährt eine Lade mit Kraftfutter raus, während zwischen ihren Beinen eine Maschine mit dem Melken beginnt. Früher zupfte der Milchbauer an den Euterzitzen, heute steht er auf der Besucherempore seines Stalls und schaut nicht ohne Stolz zu, wie sich viele Alltagsarbeiten wie von selbst erledigen. „Dieser Stall ist Stand der Technik“, sagt Leonhard Große Kintrup.

In Kinderbilderbüchern und auf Joghurtbecher-Etiketten steht die gemeine Milchkuh auf der Alm, am Abend kommt die Magd und melkt Milch in eine Blechkanne. Die Wirklichkeit, wen wundert’s, ist ganz anders. Knapp 200 Kühe hat der Bauer in Handorf an Münsters Stadtrand im Stall. Zu viele, um jede einzelne am Morgen zu knuddeln. „Wir machen hier keine Schmusetierhaltung . Wir halten Nutztiere zur Lebensmittelproduktion“, sagt Große Kintrup. Das klingt nüchtern, das klingt sachlich. Trotzdem: „Ich habe eine große Verantwortung. Ich muss den Kühen mit Respekt begegnen.“

Landwirte am Pranger

Dass Landwirte wie Leonhard Große Kintrup das tun, wird ihnen oft abgesprochen. Die Liste der Vorwürfe an die konventionelle Landwirtschaft ist lang. Da ist von katastrophalen Zuständen in den Ställen die Rede, von brutalem Umgang mit den Tieren und von einer Fütterung, die zwar zu riesigen Milchmengen führt, dabei aber so wenig artgerecht ist, dass die Tiere leiden. Gerne werden Beiträge untermalt mit Bildern von ausgemergelten Tieren, die auf kranken Klauen zur Schlachtbank humpeln. Leonard Große Kintrup sieht sich und seine Berufskollegen zu Unrecht am Pranger.

Er hat investiert und eine große, luftige Halle gebaut, denn: „Ein neuer Kuhstall ist praktizierter Tierschutz.“ Die Kühe liegen in Boxen mit echtem Torf, ein selbstfahrendes Gerät reinigt unaufhörlich den Boden, und ein Roboter verteilt Futter. Was fast wie moderne Landwirtsromantik klingt, ist zugleich Eigennutz eines wirtschaftenden Unternehmers: „Unser primäres Ziel ist die Milch. Wir behandeln die Tiere so, dass sie möglichst lange leben und möglichst viel Milch geben.“ Weil aber nur Kühe lange leben und viel Milch geben, denen es gut geht, bemühe er sich darum. So wird der Boden gewischt, damit die Klauen sich nicht entzünden.

Schweine sind nicht so sein Ding

Für die Milchviehhaltung hat Leonhard Große Kintrup sich seinerzeit ganz bewusst entschieden. Als er den Hof übernahm, war das noch ein Mischbetrieb. Doch Schweine sind nicht so sein Ding. „Bei Kühen gibt es immer wieder Tiere, die besonders sind, die aus der Masse hervorstechen.“ Wie der Klassenclown oder der Streber. „Das Schöne bei Kühen ist ja, dass man vergleichsweise lange mit ihnen zu tun hat.“ Im Schnitt werden sie bei ihm sieben Jahre alt.

Moment mal, sieben Jahre? Da klingeln die Ohren. Sieben Jahre sind nicht viel für eine Kuh – ist also doch etwas dran am Vorwurf, die Tiere litten darunter, dass sie auf maximale Milchmengen getrimmt werden? „Das biologische Alter, das eine Kuh erreichen kann, ist doppelt so hoch“, räumt er unumwunden ein. „Aber unser Ziel ist es, Lebensmittel zu produzieren, und nicht, die Kuh möglichst alt werden zu lassen.“ Was zynisch klingt, relativiert er sofort: Seine Tiere gingen nach sieben Jahren nicht elendig zugrunde. Sie werden nur nicht mehr tragend, geben dadurch keine Milch mehr und bringen im Milchbetrieb keine Leistung mehr. „Natürlich könnten wir sie für die nächsten drei Jahre auf eine Weide stellen. Aber wer soll das bezahlen?“

Also treten die ausgemusterten Milchkühe ihre letzte Reise zum Schlachter an, um als Hackfleisch oder Wurst zu enden. „Wir produzieren ja hier nicht Milch und schmeißen dann die Kuh weg“, formulierte Leonhard Große Kintrup. Seine Kühe sind ja „Nutztiere zur Lebensmittelgewinnung“. Und am Ende ist das eben Wurst.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/3433966?categorypath=%2F2%2F62%2F798625%2F819239%2F
Nachrichten-Ticker