Adrian Corbo hat ein Freiwilliges Soziales Jahr am Stift Tilbeck absolviert
„Man bekommt so viel zurück“

Havixbeck - Adrian Corbo ist der Liebling aller, wie er so durch die Flure der Produktionswerkstatt von Stift Tilbeck geht.

Samstag, 08.08.2015, 15:17 Uhr

Ein Halbitaliener, wie er im Buche steht: Adrian Corbo in der Produktionswerkstatt von Stift Tilbeck, wo er während seines Freiwilligen Sozialen Jahres den behinderten Menschen in der Montageverpackung 5 a zur Hand ging.
Ein Halbitaliener, wie er im Buche steht: Adrian Corbo in der Produktionswerkstatt von Stift Tilbeck, wo er während seines Freiwilligen Sozialen Jahres den behinderten Menschen in der Montageverpackung 5 a zur Hand ging. Foto: Wilfried Gerharz

Ein Mann im Rollstuhl mit weißem Helm auf dem Kopf klatscht ihn ab. Wenige Meter weiter klopft ihm eine ältere Frau mit Kurzhaarfrisur auf die Schulter. „Ich war nur ein Wochenende weg – und schon wird man hier vermisst“, freut sich der 21-jährige frischgebackene Azubi.

Denn Auszubildender, das war der sympathische Halbitaliener vergangenen Freitag noch nicht: an seinem letzten Tag als FSJler. Ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zu machen, das lag für ihn nach dem Fachabitur nahe. „Bloß keine Schule mehr“, so lautete die Devise. Allein, in ei­nem Jugendzentrum hatte Corbo bereits während seines Jahrespraktikums gearbeitet. Und so fiel die Wahl auf Stift Tilbeck , eine Einrichtung für Behinderten- und Altenhilfe in Havixbeck .

Mit im Schlepptau hatte der gebürtige Versmolder vor einem Jahr seine beiden Freunde Pascal und Jonas, mit denen er seither auf dem Stiftsgelände wohnt. Und regelmäßig probt. „Took Refuge“ heißt die Band des passionierten E-Gitarrenspielers, die sich auf sogenannten Alternativprogressivrock spezialisiert hat. „Schlicht gesagt, ist der am Anfang leiser als am Ende“, erklärt der 21-Jährige grinsend.

Hatte er während seines FSJ – in dem er behinderten Menschen in der Tilbecker Produktionswerkstatt bei der Herstellung von Sanitärventilen zur Hand ging – nebenher noch eine Menge Zeit für die Musik, so wird sich das jetzt ändern. Als Azubi ist Corbo einer Wohngruppe mehrfach schwerstbehinderter Menschen zugeteilt. Er leistet ihnen bei den Mahlzeiten Gesellschaft, sie gehen zusammen raus und machen einfache Brettspiele, wie er sagt. „Alltag eben.“ Arbeits- und Schultage wechseln sich künftig ab, jedes zweite Wochenende ist Stationsdienst angesagt.

Die Ausbildung zum Heilerziehungspfleger dauert drei Jahre. Danach plant Corbo ein Studium der Sonderpädagogik. Berührungsängste mit behinderten Menschen kennt er von Haus aus nicht, hat doch sein zehn Jahre älterer Bruder das Down-Syndrom.

„Wir waren ganz normale Geschwister, haben ein Etagenbett geteilt und uns auch schon mal gestritten“, verrät der junge Mann. Am Vortag hatte sein Bruder, der auch in einer Wohngruppe lebt, Geburtstag, man habe kurz telefoniert. „Leider hören wir uns viel zu selten.“ Auch die Arbeit in der Montage-Werkstatt hat ihn auf seine jetzige Aufgabe vorbereitet, er wurde schnell von den behinderten Menschen akzeptiert. „Sicher war der eine oder andere darunter, der mal gereizt war oder aggressiv.“ Da habe ihm das Deeskalationstraining geholfen, das für FSJler ebenso angeboten wird wie die übers Jahr verteilten fünf Seminarwochen. „In denen ich mich super mit anderen Freiwilligen austauschen konnte.“

Irgendwann stellte er sich sogar als deren Sprecher zur Wahl und wurde so Ansprechpartner für eine ganze Gruppe von FSJlern. Frank Röwekämper , Gruppenleiter im Metallbereich, ist voll des Lobes für Adrian Corbo, dessen Ruhe, Geduld und Ausgeglichenheit. „Denn das sind wichtige Voraussetzungen für die Arbeit mit behinderten Menschen“, wie Röwekämper betont.

Corbo selbst sitzt an diesem Nachmittag in der Sonne vor der Produktionswerkstatt und genießt ein paar letzte freie Stunden. Eine behinderte Frau gesellt sich zu ihm und zündet sich eine Zigarette an. Zwanglos plaudert sie auf ihn ein. „Ob Bewohner oder Beschäftigte, alle sind von Anfang an offen auf mich zugekommen“, sagt er. Das habe ihm die Entscheidung erleichtert, nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr einfach weiterzumachen. „Man bekommt hier so viel zurück.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/3430750?categorypath=%2F2%2F62%2F798625%2F819239%2F
Nachrichten-Ticker