Dunkel und intensiv
Schicksalsschlag: Joe Henrys «Gospel»-Album

Eigentlich sollte «The Gospel According To Water» einfach nur das 15. Studioalbum des großen US-Folkmusikers Joe Henry werden - und gewiss wieder ein sehr gutes. Ein Schicksalsschlag veränderte die Stimmung der 13 neuen Lieder.

Mittwoch, 25.12.2019, 15:44 Uhr aktualisiert: 25.12.2019, 15:46 Uhr
Joe Henry geht es wieder gut.
Joe Henry geht es wieder gut. Foto: Jacob Blickenstaff

Berlin (dpa) - Man muss die Vorgeschichte des neuen Joe-Henry-Albums nicht kennen, um sich von seinen Songs berühren zu lassen. Aber der Hintergrund - eine schwere Erkrankung des US-Musikers - macht «The Gospel According To Water» (earMUSIC/Edel) nur noch eindringlicher.

Denn der inzwischen 59-Jährige, der als Produzent bisher drei Grammys bekam, als Singer-Songwriter aber eher ein Geheimtipp blieb, erhielt vor rund einem Jahr eine furchterregende Diagnose: Prostatakrebs in einem fortgeschrittenen Stadium. Der Plan, das 15. Album größer zu arrangieren oder einer Politur zu unterziehen, war damit über den Haufen geworfen. Henry ging sofort ins Studio mit seinen Liedern.

So hat der (inzwischen offenkundig erfolgreich behandelte) Krebs die Ausstrahlung dieses Werks nachhaltig verändert. Warme akustische und elektrische Gitarren, einige Piano- und Keyboard-Tupfer (Patrick Warren), E-Bass auf nur einem Stück (David Piltch) - und immer wieder die großartigen Beiträge von Sohn Levon Henry mit Tenor-Saxofon und Klarinette: Mehr braucht es nicht, um diese «Gospel»-Melodien dunkel-intensiv flackern zu lassen.

Zumal Joe Henrys gepresst-nasale, an den jüngeren Bob Dylan erinnernde Stimme hier so gut zur Geltung kommt wie selten zuvor. Das Ergebnis ist eine sehr reduzierte, sehr ernste, auch traurige, aber nie wehleidige oder herunterziehende Platte mit 13 Songs im Folkballaden-Modus.

«Die Diagnose ist eine Erfahrung in meinem Leben, ein Teil meiner Reise. Sich deswegen zu verstecken, das passt nicht zu mir», sagte der Künstler in einem Deutschlandfunk-Interview. «Außerdem geht es mir mittlerweile richtig, richtig gut. Aber ich habe schon sehr frühzeitig die Entscheidung getroffen, dass, egal was passiert, ich mich nicht verkriechen werde.»

«Es gibt Momente im Leben, da bläst dir der Wind einfach den Hut vom Kopf. Dann rennst du dem Hut hinterher, machst ihn sauber und es geht weiter» - so erklärte Joe Henry im Vorjahr bei einem Konzert in Los Angeles seine Krankheit. Ebenso stark und forsch sind nun die neuen Songs - das englische Wort «cancer» für Krebs fällt darin nie.

So ist «The Gospel According To Water» kein spirituell gefärbtes Gospel-Album, aber ein reifes, der Lage angemessenes und doch ermutigendes Werk geworden. Und gewiss eines der besten von Joe Henry - übrigens Schwager einer gewissen Madonna Louise Veronica Ciccone - neben Folkrock-Meisterstücken wie «Scar» (2001), «Civilians» (2007) und «Reverie» (2011).

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