Film
Gute Stimmung beim Filmfestival in Locarno

Das Filmfestival Locarno punktet mit anspruchsvoller Filmkunst und Ferienstimmung. Im Internationalen Wettbewerb gehört die schweizerisch-deutsche Ko-Produktion «Heimatland» zu den Favoriten.

Dienstag, 11.08.2015, 16:38 Uhr

Der Schweizer Regisseur Gregor Frei stellte «Heimatland» in Locarno vor.
Der Schweizer Regisseur Gregor Frei stellte «Heimatland» in Locarno vor. Foto: Urs Flueeler

Locarno (dpa) – So was gibt’s nur in Locarno: Tausende Kinofans strömen zu den Filmvorführungen des 68. Internationalen Filmfestivals und genießen zwischendurch immer wieder unbeschwerte Ferienstimmung .

Der malerische Lago Maggiore , an dessen Ufer sich das romantische Locarno schmiegt, lädt bei strahlendem Sonnenschein zu Badespaß und Partyfreuden. Oft sieht man Zuschauer in den Kinos, die gerade dem See entstiegen sind.

Bei allem Vergnügen rundum sind aber die Filme das A und O. Nicht selten bilden sich Warteschlangen vor den Kinos. Besonders erfolgreich war zuletzt die schweizerisch-deutsche Ko-Produktion «Heimatland», ein Gemeinschaftsprojekt von zehn jungen schweizerischen Regisseuren. Im Stil eines Katastrophenfilms entwerfen sie in ein düsteres Bild ihrer Heimat zwischen Selbstzufriedenheit, Fremdenhass und Agonie.

In dem spannungsgeladenen Episodenreigen sorgt eine riesige, unheimliche Wolke über der Schweiz für Panik. In der Angst vor einem verheerenden Sturm werden Werte wie Nächstenliebe und Toleranz ganz schnell über Bord geworfen. Das Drama gilt vor allem wegen seiner formalen Qualität als einer der Favoriten für den Goldenen Leoparden , den Hauptreis des Festivals, der am Samstag (15.8.) verliehen wird.

Mit seinem facettenreichen Gesellschaftspanorama ist der Film typisch für den diesjährigen Wettbewerb in Locarno. Als Reflex auf die weltweite ökonomische und die daraus resultierende intellektuelle Unsicherheit, erzählen viele Filmemacher Geschichten von Menschen, die keinen Halt mehr finden.

Typisch ist auch der israelische Wettbewerbsbeitrag «Tikkun» («Wiedergutmachung»). Regisseur Avishai Sivan erzählt formal brillant das Drama eines ultra-orthodoxen jungen Juden in Jerusalem. Er zweifelt an sich, an seinem Glauben und an der Welt. Nicht einmal in seiner Familie Hilfe findend, treibt er in eine Katastrophe. Auch hier besticht vor allem die Strenge der Erzählung und macht den Film zu einem Leoparden-Kandidaten.

Zum Ausgleich für den gedankenschweren Wettbewerb wird abends unterm Sternenzelt auf der Piazza Grande, dem zentralen Platz von Locarno, häufig leichte Kost geboten. Besonders viel Zustimmung bekam hier die melancholische französische Komödie «Florida». In dem Film begeistert der inzwischen 85-jährige Schauspiel-Star Jean Rochefort («Der Mann der Friseuse») als Greis, der sich von drohenden Altersgebrechen nicht unterkriegen lässt.

Großen Beifall heimste auch der legendäre Hollywood-Regisseur Michael Cimino ein. Der 76-jährige wurde mit dem inzwischen als Meisterwerk anerkannten Western-Epos «Heaven’s Gate» berühmt-berüchtigt. Der 1980 uraufgeführte Film gilt als größtes finanzielles Desaster Hollywoods. Ciminos Karriere verlief danach im Sand. In Locarno bekam er nun auf der Piazza Grande einen Ehren-Leoparden für sein nur sieben Filme umfassendes Lebenswerk.

Michael Cimino, von der Kunst der Kosmetik extrem «verjüngt», sorgte für einen der komischsten Momente des diesjährigen Filmfestivals. Als ihm der Ehren-Leopard überreicht wurde, hauchte er ins Mikrofon: «O, ich dachte, ich bekomme ein Raubtier. Das hier sieht aber eher aus wie ein Hühnchen.» Die etwa achttausend Zuschauer der Zeremonie quittierten den Gag mit brüllendem Gelächter. Die Wettbewerbsteilnehmer nahmen es gelassen. Der Goldene Leopard von Locarno gilt schließlich weltweit als einer der wichtigsten Filmpreise.

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