Chinesischer Tourist wird fälschlicherweise für Asylbewerber gehalten
Der Flüchtling, der keiner war

Dülmen. Seine Europa-Tour hatte sich der 31-jährige Chinese aus dem Großraum Peking ganz anders vorgestellt. Er wollte sich Heidelberg ansehen und dann weiter nach Paris zum Eiffelturm und nach Rom zur Spanischen Treppe. Gelandet ist er am Ende in der Flüchtlingsunterkunft des Landes am Osthoff in Dülmen.

Sonntag, 07.08.2016, 19:14 Uhr

Chinesischer Tourist wird fälschlicherweise für Asylbewerber gehalten : Der Flüchtling, der keiner war
Rund eine Woche lebte der Tourist aus China als Flüchtling in der Unterkunft am Osthoff. Foto: mm

Was war passiert? In Heidelberg war der Chinese bestohlen worden. Er wollte den Diebstahl anzeigen, fand sich in der fremden Stadt aber nicht zurecht. Statt auf einer Polizei-Dienststelle den Verlust anzuzeigen, muss er bei einer anderen Behörde aufgeschlagen sein. Ganz nachvollziehen lässt sich das heute nicht mehr, sagt Christoph Schlütermann aus dem Kreisvorstand des Deutschen Roten Kreuzes. Er hatte sich mit Klaudio Kolakovic, Einrichtungsleiter der Flüchtlingsunterkunft in Dülmen, um den Chinesen gekümmert.

Denn statt einer Diebstahlsanzeige unterschrieb der 31-Jährige ein anderes Formular, einen Asylantrag. Und setzte damit eine Maschinerie in Gang, die kaum zu stoppen war. Sein normaler Reisepass wurde sofort eingezogen. Er erhielt entsprechende Flüchtlings-Dokumente.

„Der Mann sprach weder Englisch noch Deutsch“, sagt DRK-Vorstand Christoph Schlütermann. „Nur Mandarin.“ So war eine Verständigung selbst mit Händen und Füßen eigentlich gar nicht möglich - und zu erklären, warum ihm ein Asylantrag statt einer Diebstahlsanzeige vorgelegt worden ist.

Als unregistrierter Flüchtling kam der Chinese dann über Dortmund-Buschmühle in die Dülmener Unterkunft am Osthoff. Das war vor rund 14 Tagen. In Dülmen wurde er zunächst ärztlich untersucht, Fingerabdrücke wurden genommen, die Papiere entsprechend ausgefüllt.

Der Chinese war gut eine Woche in Dülmen. Bekam Essen und Trinken sowie einen Schlafplatz. Taschengeld nahm der Mann auch an. Irgendwann habe Christoph Schlütermann aber gemerkt, dass der gut gekleidete Mann kein gewöhnlicher Flüchtling war. Mithilfe einer Sprach-App auf dem Handy startete Schlütermann eine Unterhaltung. „Da konnte ich auf Deutsch reinsprechen, das Programm übersetzte dann ins Mandarin.“ Als bei der Rück-Übersetzung so kuriose Sätze, wie „Ich will in Italien spazieren gehen“, rauskamen, war klar: Der Chinese ist Tourist und will gar kein Asyl!

Schlütermann: „Doch einen Asyl-Antrag kann man auch nicht so einfach zurückziehen.“ Der DRK-Vorstand nahm Kontakt zu Botschaften und Konsulaten auf, zur Ausländerbehörde. „Aber niemand fühlte sich so richtig zuständig.“ Um die Identität zu klären, wandte sich Schlütermann auch an die Kriminalpolizei in Dülmen.

Denn es gab noch ein weiteres Problem: Der Chinese hatte bei seiner Einreise am Frankfurter Flughafen zwar ein Visum vorlegen können, aber auch dieses war an falscher Stelle im Computer abgelegt worden und ließ sich nicht sofort finden. „So gab es eine ganze Reihe von unglücklichen Umständen, die zu dem Aufenthalt des Mannes in einer Flüchtlingsunterkunft geführt haben.“

An einen vergleichbaren Vorfall kann sich Schlütermann nicht erinnern. „Das ist zum Glück einmalig.“ Wenn das DRK in Dülmen sich nicht gekümmert hätte, säße der Mann wahrscheinlich immer noch in der Dülmener Unterkunft. „Bis sein Fall in Bielefeld entschieden worden wäre, wäre sicherlich ein halbes Jahr vergangen“, sagt der DRK-Vorstand. „Das ist derzeit die ungefähre Dauer. So lange wäre er im Asyl-Dschungel gefangen gewesen.“

Nach einer Woche konnte der Asiate so aber die Flüchtlingsunterkunft verlassen. „Er hat sich sehr bei uns bedankt, dass wir uns gekümmert haben“, so Schlütermann. Er habe den Behörden keineswegs Vorwürfe gemacht. „Und nachdem er sich Geld aus der Heimat hat schicken lassen, hat er meines Wissens seinen Europa-Trip doch noch fortsetzen können.“

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