Essay: Studentische Kultur im Kulturhauptstadtjahr 2010
Ein Bild mit Symbolkraft: Bei der Kulturhauptstadt-Gala 2004 in der Friedenskapelle vollzog das junge Theater „Cactus“ wahre Luftsprünge. Junge, studentische Kultur ist bislang ein ungehobener Schatz in der Universitätsstadt Münster. Foto: (M. Ahlke)
Münster - Triumph und Tragik an einem Tag: Am Morgen des 20. Mai 2004 bereiten tausende Münsteraner der Kulturhauptstadt-Jury einen begeisterten Empfang. Am Nachmittag dieses Feiertages Christi Himmelfahrt, als sich wiederum Tausende in den Osmo-Hallen versammeln, verkündet die selbe Jury via Fernsehen: And the winner is . . . Essen.
So manchen Münsteraner beschäftigt bis heute die Frage, was wohl passiert wäre, wenn Münster statt Essen das NRW-Rennen um die Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2010 gemacht hätte? 2010 war damals Tagesgespräch in der Stadt, die Erwartungshaltung sehr hoch, und spätestens nach dem sehr erfolgreichen Auftritt des münsterischen Oberbürgermeisters Dr. Berthold Tillmann im Düsseldorfer Landtag gaben die üblicherweise gut informierten Kreise Münster auch gute Chancen.
Nun, wäre der Fall der Fälle eingetreten, hätte der NRW-Kandidat Münster auf Bundesebene sehr wahrscheinlich das Nachsehen gehabt. Andere Bewerberstädte wie Braunschweig, Augsburg oder Karlsruhe weisen eine vergleichbare Stadt- und Sozialstruktur auf. Die Düsseldorfer Kulturhauptstadt-Jury setzte deshalb auf Risiko und auf das richtige Pferd. Denn Essen als klassische Industriestadt mit einer Vergangenheit aus Stahl und Kohle hatte einen entscheidenden Vorteil: Die Bewerbung war komplett anders als alle anderen.
Trotzdem sei eines an dieser Stelle verraten: Hätte es am 20. Mai 2004 für Münster gereicht, so würde sich die Stadt heute „Kulturhauptstadt von Nordrhein-Westfalen“ nennen.
Im Archiv der Westfälischen Nachrichten schlummert nämlich bis heute ein Interview, das für den Fall eines Sieges aufgenommen, aber nie veröffentlicht wurde. Darin antwortete Oberbürgermeister Tillmann auf die Frage, ob sich Münster jetzt Kulturhauptstadt von Nordrhein-Westfalen nennen dürfe: „Ja, das dürfen wir. Und wir werden es auch tun. Demnächst steht eine Ratsentscheidung über unser Stadtmarketing-Konzept an. Eines unsere Ziele ist die Positionierung Münsters als kulturelles Zentrum mit überregionaler und internationaler Ausstrahlung. In diesem Konzept ist sicherlich noch Platz für das Wort Kulturhauptstadt Nordrhein-Westfalens “.
Mit der Distanz der Jahre wirkt dieser Anspruch sehr befremdlich. Vom Ehrgeiz früherer Tage ist nicht mehr viel zu spüren. Die freie Kulturszene kämpft um Beachtung und Fördermittel, die spektakulären Wagner-Inszenierungen der Städtischen Bühnen liegen bald zehn Jahre zurück, diverse Sparrunden haben Spuren hinterlassen, viele Kommunalpolitiker die Lust an der Kunst verloren. Im Kulturgutachten des Landes kommt Münster (fast) nicht vor - und die Kontroverse über die gescheiterte Musikhalle hat Wunden geschlagen, die nur schwer heilen.In dem besagten Marketing-Konzept, das im Sommer 2004 beschlossen wurde, firmiert Münster als „Stadt der Wissenschaft und Lebensart“. Die Kultur ist damit angedeutet, aber nicht direkt genannt, zumindest nicht an vorderster Stelle.
Gemessen an der Kultur-Euphorie des Jahres 2004 mag man diesen Schwenk als Kapitulation betrachten. Gemessen an der Ernüchterung von heute indes könnte man eher von einer Chance sprechen. Denn Münsters Hochschulen bringen alle Voraussetzungen mit, um wichtige Verbündete der Kultur zu werden.
Es ist eine Binsenweisheit, dass die Kinosäle, Theaterränge, Ausstellungsräume und Museen in der Stadt ohne den gewaltigen Akademikertross nur halb so voll wären. Darüber hinaus verdanken Dutzende Chöre, Bands, Orchester, Künstlergruppen, Literaturkreise, Tanz-Compagnien und Theater-Ensembles ihre Existenz dem anhaltenden Zuzug junger Menschen im studierfähigen Alter.
Die „Hauptstadtfunktion“ der Kulturstadt Münster lässt sich so gesehen nicht an einem Genre geschweige denn an einer „Liga“ festmachen, wohl aber an einer Altersklasse. Münster hat kein Schauspielhaus wie Bochum, keine Oetkerhalle wie Bielefeld, keinen Festspiel-Tradition wie Bayreuth, keine Pinakotheken wie München, keine Musical-Tempel wie Hamburg, keine Buchmesse wie Frankfurt, keine Art Cologne wie Köln.
Aber Münster hat etwas anderes: und zwar eine bemerkenswerte Dichte an jungen Menschen, die sich kulturell betätigen. Sei es im Probenzentrum am Hawerkamp oder auf der Studiobühne am Domplatz. Sei es beim Poetry-Slam oder beim Rezitieren von Gedichten im Treppenhaus.
Das Rückgrat dieser Begeisterung bilden die vielen Kultur-Gruppen und -Institutionen in und an den Hochschulen. Die Liste reicht von der Kunstakademie bis zur Musikhochschule, vom Theaterlabor bis zur English Drama Group, von der Uni-Big-Band bis zum Jungen Sinfonieorchester, vom Freien Musical-Ensemble bis zu den Tänzern beim Hochschulsport, von den Musikpädagogen bis zu den Uni-Debattierern, vom Rhetorik-Zentrum bis zur Schule für Modemacher, vom Literaturmagazin „Am Erker“ bis zur studentischen Wissenschaftszeitschrift „360 Grad“.
Münster steckt voller Talente. Es gibt auch erstaunlich viele Menschen, die Talentförderung betreiben. Woran es aber mangelt, ist die Bereitschaft der Stadtgesellschaft und der Verantwortlichen, Münster zu einer von Außen wahrnehmbaren Talentschmiede zu machen.
Der um Reputation ringenden Wissenschaftsstadt stehen spannende Zeiten bevor. Weil Bildung ein kreatives Umfeld benötigt, ist Kultur gefragt. Alles, was in Münster groß ist, ist in Münster klein angefangen. Das gilt für die Uni ebenso wie für die Brillux-Farbenfabrik, die Hengst-Filterwerke oder die Skulpturen-Ausstellungen. Warum also nicht der jungen Kultur eine große Bühne bereiten, damit sie wachsen kann. Am besten über sich hinaus.