Familie findet seit halbem Jahr keine Unterkunft zur städtisch gewährten Miete
Dülmen. Sybille Girczyk weiß nicht mehr weiter. Bereits Ende Juli hatte ihr der Vermieter mitgeteilt, sie müsse das kleine Häuschen im Stadtzentrum rasch räumen, weil er dort einziehen will.
„Wir würden sofort ausziehen“, versichert die 52-jährige Reinigungskraft. Denn der Vermieter setze ihr inzwischen sogar am Sonntag telefonisch zu.
Das Problem: Aufgrund des geringen Einkommens der Familie übernimmt die Stadt Dülmen derzeit die Miete. Und die zahlt für einen Fünf-Personen-Haushalt genau 565 Euro Miete inklusive Nebenkosten. „Dafür ist einfach nichts in Dülmen zu bekommen“, meint die alleinerziehende Mutter, die mit ihren vier Kindern derzeit auf 110 Quadratmetern wohnt.
Bei allen großen Anbietern stehe sie auf der Warteliste, Zeitungsannoncen habe sie auch schon geschaltet, und selbst die Bürgermeisterin hat sie in einem persönlichen Gespräch um Hilfe gebeten: „Aber die beim Sozialamt meinten, dann sollten meine beiden erwachsenen Söhne eben ausziehen, dann würde es leichter mit der Suche.“
Diese Einschätzung teilt Jan Kroes, Teamleiter für ambulantes betreutes Wohnen bei der AWO, nicht: „Unsere Klienten haben oft auch als Singles große Schwierigkeiten, in Dülmen noch eine bezahlbare Wohnung zu finden.“ Rund zehn Prozent der Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Suchtproblemen, schätzt Kroes, kämen mit den von der Stadt gewährten Mieten nicht zurecht. Für einen Ein-Personen-Haushalt sind das 295 Euro Miete inklusive Nebenkosten. Die Heizkosten übernimmt die Stadt zusätzlich.
„Viele zahlen am Ende von ihrem Regelsatz, mit dem sie ihren gesamten Lebensunterhalt bestreiten müssen, für die Miete oben drauf“, weiß Kroes. Wenn die Mieter Ärger machen und sich Nachbarn darüber beschweren, hat er Verständnis dafür, dass die Kündigung droht. „Aber es gibt auch den Fall, dass die Kinder ausziehen oder ein Paar sich trennt, und die Wohnung plötzlich zu groß wird.“ Ein halbes Jahr schaue sich die Stadt das meist an, wenn der Klient dann nichts Neues gefunden habe, werde ihm aber die Miete gekürzt. „Allerdings ist die Stadt auch oft bereit, in Einzelfällen Regelungen zu finden, und zeigt sich hier durchaus flexibel“, räumt der Sozialarbeiter ein.
Stefanie Löhn von der Pressestelle der Stadt bestätigt, dass es in Einzelfällen immer mal wieder zu Problemen mit Mietern kommt. „Aber die Sozialgerichte haben unser Angemessenheitsgrenzen in vielen Urteilen bestätigt“, erklärt sie. Aus Sicht der Stadt gebe es nach wie vor ausreichend bezahlbaren Wohnraum für Bedürftige in Dülmen: „Allein 1862 Wohnungen sind öffentlich gefördert und dürfen nur an berechtigte Personen vermietet werden“, berichtet Löhn. Darüber hinaus gebe es weitere günstige Mietwohnungen. Derzeit leiste die Stadt in 842 Fällen (1845 Personen) Grundsicherung für Arbeitssuchende.
Auch im Fall der Girczyks zeigt sich Dülmen flexibel: „Wir haben den beiden erwachsenen Söhnen angeboten, auch deren Miete zu übernehmen, falls sie eine eigene Wohnung beziehen möchten. Eine Wohnung für die Mutter und die beiden 17-jährigen Töchter wird sich leichter finden lassen“, meint Löhn. Für Peter Girczyk (22) eine gute Nachricht, über die er nachdenken wird.
Allerdings dürfen die Bäume dabei nicht in den Himmel wachsen: „Es geht um einfache und grundlegende Wohnbedürfnisse, gehobene Ansprüche kann die Stadt Dülmen nicht finanzieren“, betont Stefanie Löhn.