Leipziger Buchmesse
Programmierte Poesie: Matthias Senkels «Dunkle Zahlen»

Matthias Senkel bringt in seinem Roman vieles zusammen: Die Magie der alten russischen Dichter und tüftelnde Geheimdienstler im Ostblock. Poesie und Programmieren. Durchchoreographiertes Durcheinander. Oder schreibt am Ende gar nicht der Autor - sondern eine Maschine?

Dienstag, 13.03.2018, 08:00 Uhr

Der Schriftsteller Matthias Senkel.
Der Schriftsteller Matthias Senkel. Foto: Sebastian Willnow

Leipzig (dpa) - Das Inhaltsverzeichnis deutet an, wie «Dunkle Zahlen» seine Geschichten erzählt: Es geht nicht geordnet, sondern ziemlich durcheinander zu. Mehrere Abzweigungen und Einschübe sind notiert. Dazu ein Ritt durch die Zeit von Anfang des 19. Jahrhunderts bis ins Jahr 2043.

Matthias Senkels Buch, das auf dem Einband «Roman» und auf dem Vorblatt «Poem» heißt, ist ein verspieltes und durchaus heiteres Durcheinander. Formal wie inhaltlich.

Wer ganz stringent von vorn nach hinten liest, beginnt das Werk mit einer Leistungsschau talentierter Jungprogrammierer auf der Ostblock-Seite der Kalten-Kriegs-Geschichtsschreibung im Moskau des Jahres 1985, streift märchenhaft sprechende, Wünsche erfüllende Hechte und duellierende Poeten aus alter Vorzeit, lässt tüftelnde und herumwurstelnde Geheimdienste mit ihren ganz eigenen Utopien auftreten - und kreist doch immer um die Evolution der Computer.

Dabei werden nicht nur die Erzählstränge immer wieder durchbrochen, sondern auch die Form. Es findet sich auch am Ende des ersten Drittels ein Nachwort - und das letzte Drittel startet mit einem Abkürzungs- und Personenverzeichnis. Dazwischen gibt es Witze- und Zitate-Sammlungen. Auch eine mehrseitige Begriffsbestimmung des Romantitels «Dunkle Zahlen» findet sich mitten in dem fast 500 Seiten starken Werk: «dunkel: althochdeutsch tunkal» heißt es da, das bedeute neben düster unter anderem auch obskur oder vage.

Diese beiden Adjektive charakterisieren den Roman des Autors treffend. Die Hauptfiguren, wie der talentierte Mathematiker Leonid oder der Architekturstudent Dmitri, die der Leser zum Teil schlaglichtartig vom Jungen- bis zum Greisenalter begleitet, bleiben vage. Ihre Biographien enthalten mehr Leerstellen als Konturen.

Die Geschichten rund um die Erforschung der Rechenmaschine in den 1950er bis 1980er Jahren mit Lochkarten, knappen Bauteilen und Jobs wie «konspirativer Materialbeschaffung» in der Sowjetunion erscheinen aus heutiger Perspektive ebenso obskur wie die Fachsimpeleien der unersättlich mithörenden Geheimdienst-Funktionäre.

«Jetzt aber halblang», lässt Senkel einen von ihnen im Jahr 1974 sagen. «Als Genie dürfen Sie denjenigen bezeichnen, der ein Datenverarbeitungssystem entwickelt, mit dem sich sämtliche Gespräche und Schriftstücke analysieren lassen, noch während die Worte aufgezeichnet werden.» Dann ließe sich jeder Bürger lebensumspannend begleiten und ein Gesamtbild seiner Gesinnung erstellen. 40 Jahre später ist dieser Traum des hochrangigen Geheimdienstlers aus Senkels Fiktion ziemlich real.

Dazu kreist der Roman um die Frage, wer diese Geschichten eigentlich erzählt, und was davon real ist, was (Computer-)Spiel, was Traum. «Manchmal, wenn ich ein gut geschriebenes Programm lese, denke ich, dass das unsere neue Lyrik ist!», lässt Senkel eine Betreuerin der Nachwuchsprogrammierer sagen.

Und der Autor suggeriert, dass sein Werk nicht von ihm stammt, sondern von einer «golemartigen Literaturmaschine», kurz GLM. Sie wurde der Romanlegende zufolge in der Vergangenheit ersonnen, in der Zukunft des Jahres 2043 mit Dokumenten gefüttert, um das Poem «Dunkle Zahlen» zu schreiben - und seither als verschollen zu gelten.

Das alles ist unterhaltsam und mitunter komisch erzählt, nur: die Geschichten und eingestreuten Einwürfe münden alle in lose Enden. Es gibt kein Gesamtbild, keine Auflösung. Das kann man mit Blick auf das durchchoreographierte Durcheinander konsequent nennen, es ist aber eher zuviel des Guten.

ZUR PERSON: Matthias Senkel wurde 1977 im thüringischen Greiz geboren. Er lebt in Leipzig. In der Messestadt studierte er auch am Deutschen Literatur-Institut (DLL). Er schreibt Lyrik und Prosa und gewann 2009 den Nachwuchswettbewerb Open Mike in Berlin. «Dunkle Zahlen» ist sein zweiter Roman. Zuvor erschien im Jahr 2012 bereits «Frühe Vögel» beim Aufbau-Verlag. Für sein Romandebüt erhielt Senkel den Uwe-Johnson-Förderpreis und den Rauriser Literaturpreis. Mit «Aufzeichnungen aus der Kuranstalt» nahm Senkel 2012 am Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt teil.

- Matthias Senkel: Dunkle Zahlen, Matthes&Seitz Berlin Verlagsgesellschaft, 480 Seiten, 24 Euro, ISBN: 978-3-95757-539-5.

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