Do., 01.12.2016

125. Geburtstag Kriegsgefangener Otto Dix: Malen für Essen und Trinken

125. Geburtstag : Kriegsgefangener Otto Dix: Malen für Essen und Trinken

Foto: Sabine Glaubitz

Otto Dix kam kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in Gefangenschaft. Doch statt zu schuften, durfte er malen und tagsüber das Lager verlassen. Seine Ausflüge reichten bis in die Vogesen.

Von dpa

Colmar (dpa) - Der Kirchturm von Notre-Dame de l’Assomption in Logelbach ist nicht zu übersehen. Strahlend weiß hebt er sich von den Vogesen im Hintergrund ab - wie auf dem Gemälde «Madonna vor Stacheldraht und Trümmern» von Otto Dix.

Den zwischen 1926 und 1927 errichteten Betonturm hat der Maler auf dem Mittelbild des dreiteiligen Flügelaltars abgebildet. Im Vordergrund sitzt Maria mit dem Kind, rechts und links Stacheldrahtzäune. Dix hat das berühmte Triptychon im Jahr 1945 gemalt - als Gefangener im Kriegslager Colmar-Logelbach.

Dix wurde wenige Wochen vor Ende des Zweiten Weltkriegs gefangen genommen. Logelbach liegt rund 3 Kilometer von Colmar im Elsass entfernt. Die französischen Behörden hatten das riesige fünfstöckige Gebäude, in dem zuvor der Lärm der Spinn- und Kadiermaschinen des Textilunternehmens Haussmann ertönte, in ein Kriegslager verwandelt. Dix war 53, als er kurz zuvor in Hitlers Volksturm gezwungen wurde. Im April wurde er nach Logelbach gebracht. Das genaue Datum ist nicht bekannt.

Heute befinden sich in dem Komplex mit dem Namen «Quai 140» Büros. Daran, dass hier bis zu 7 500 Soldaten gefangen waren, erinnert heute nicht mehr viel. Die Fassade ist weiß getüncht und vor dem Haupteingang befindet sich ein großer Parkplatz. Nur der Logelbach fließt noch hinter dem Gebäude vorbei.  

In mehreren seiner Briefe hat Dix von der Arbeit an dem Madonnen-Gemälde berichtet. In einem davon schrieb er, dass er seit sechs Wochen daran arbeite und es bald vollenden werde. Wofür das Bild bestimmt war? Für die katholische Lagerkapelle, klärt Frédérique Goerig-Hergott auf, die Leiterin des bekannten Unterlinden-Museums in Colmar. In Auftrag gegeben habe es der französische Kommandant des Lagers, sagte Goerig-Hergott der Deutschen Presse-Agentur. Das Museum im Herzen der malerischen Altstadt besitzt mit acht Werken in Frankreich eine der größten Sammlungen des Malers und Grafikers, darunter zwei Gemälde und zwei Zeichnungen aus seiner Colmarer Zeit.

Aloyse Ruff, wie der Kommandant hieß, hatte Dix dank des Buches «Kunst des 20. Jahrhunderts» des deutschen Kunsthistorikers und Schriftstellers Carl Einstein als Maler identifiziert. Doktor Gerhard Wippern, sein Mitgefangener, habe sich daran erinnert, dass der Befehlshaber des Lagers in dem Werk einen Artikel über Dix gelesen habe, so Frédérique Goerig-Hergott. Statt Kartoffeln zu schälen, durfte er nun malen, wie Dix schrieb.

Der Maler, dessen 125. Geburtstag (2. Dezember) in diesen Tagen gefeiert wird, befand sich bis Februar 1946 im Gefangenenlager in Colmar-Logelbach. In dieser Zeit soll er rund 75 Werke entworfen haben, erzählt die Museumsleiterin, darunter auch die Porträts von Germain und Madeleine Dumoulin. Das Ehepaar wohnte in der rue Adolphe Hirn in Logelbach. Denn Ruff, der im zivilen Leben Lehrer war, ließ Dix viel Freiheit. Er durfte das Lager morgens verlassen und kehrte abends wieder zurück.

Ruff war kunstinteressiert. Im Lager hatte er eine Malergruppe gegründet, zu der neben Dix auch der ungarische Künstler Lajos Cziraki und der Stuttgarter Peter Jakob Schober gehörten. Über Ruff lernte Dix den Colmarer Maler Robert Gall kennen, in dessen Atelier er fast täglich ging. Es lag rund 30 Gehminuten vom Lager entfernt. Er habe dort zu Mittag gegessen und Ausflüge in das Umland unternommen, sagt Frédérique Goerig-Hergott. Farbkräftige Ansichten auf die Vogesen und das rund zehn Kilometer von Colmar entfernte Zimmerbach zeugen davon.

Dix hatte reichlich Kunden. Zu ihnen gehörte neben den Dumoulins auch der deutsche Lagerarzt und Gefangene Lambert Heussen. Für ihn schuf er «Die Heilung des Blinden - Christus als Arzt». Es ist auf weißem Leintuch gemalt, das sich der deutsche Arzt bei der Befreiung um den Bauch gewickelt hatte. Heute befindet sich das Werk, auf dem Jesus Christus die Augen eines Blinden berührt, in der Kunstsammlung Gera. Bezahlt wurde Dix in Naturalien. Er habe nun reichlich zu essen, zu trinken und zu rauchen, schrieb er an seine Frau Martha.

Die «Madonna vor Stacheldraht und Trümmern» war ursprünglich für die katholische Kapelle des Gefangenlagers bestimmt. Doch dort bekamen weder Dix noch seine Mitgefangenen das Werk jemals zu Gesicht. Ruff hatte den Altarflügel verschwinden lassen und bei sich versteckt. Heute befindet sich das Werk in der Kirche Maria Frieden in Berlin-Mariendorf.

Nach seiner Befreiung kehrte Dix wieder nach Hemmenhofen am Bodensee zurück. In der Folgezeit malte er überwiegend religiöse Themen, in denen seine Erinnerungen an das Lager zum Ausdruck kommen. So realisierte er im Jahr 1948 «Die Geißelung Christi II». Darauf ist ein gebeugter, blutüberströmter Christus zu sehen, wie er von einem Wärter und einem Gefangenen ausgepeitscht wird. Das Bild spiegelt nicht nur seine expressive Ästhetik wider. Wie die bis zum 30. Januar dauernde Ausstellung «Otto Dix - der Isenheimer Altar» im Museum Unterlinden zeigt, illustriert es auch die Faszination, die der Flügelalter in Colmar auf ihn ausübte.

«Den Isenheimer Altar sah ich 2x, ein gewaltiges Werk von unerhörter Kühnheit und Freiheit abseits aller 'Komposition' oder Konstruktion und unerklärlich geheimnisvoll in seinen Zusammenhängen», schrieb Dix am 9. September 1945 an seine Frau. Die berühmten religiösen Bildtafeln von Matthias Grünewald bilden das Herzstück des Unterlinden-Museums. Der um 1480 in Würzburg geborene Maler gilt als Vorläufer des Expressionismus. Denn vor ihm hat niemand das Leiden Christi so brutal dargestellt. Und nach ihm kaum einer so wie Dix.

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