Interview mit DFB-Stützpunkttrainer
Mittelstürmer gibt es nicht mehr

Dülmen. Vor vier Jahren wurde das 2002 ins Leben gerufene DFB-Stützpunkt-Konzept von vielen Experten als eine der entscheidenden Grundlagen für den WM-Titel der Nationalmannschaft gesehen. „Wir haben in Deutschland eine Basis geschaffen, darum beneidet uns die ganze Welt“, sagte Frank Engel, Sportlicher Leiter der Nachwuchsförderung des DFB, damals. Vier Jahre später, nach dem Desaster in Russland, gibt es von Neid keine Spur. Der deutsche Fußball, so lautet vielfach der Vorwurf, hat die Entwicklung verschlafen. Kristian van Bentem sprach darüber mit Andreas Wanninger, Stützpunkttrainer des Fußballkreises Ahaus/Coesfeld.

Montag, 23.07.2018, 18:48 Uhr

Interview mit DFB-Stützpunkttrainer: Mittelstürmer gibt es nicht mehr
Enttäuschung nach dem WM-Aus: Neben den Spielern wie Thomas Müller (l.) gerät auch die Talentförderung des DFB in die Kritik. Foto: firo sportphoto

So schnell kann es gehen: Vom lachenden Weltmeister zur weltweiten Lachnummer. Auch die bislang bewunderte Nachwuchsförderung des DFB steht deshalb plötzlich in der Kritik. Können Sie das nachvollziehen. Und was ist schiefgelaufen?
Wanniger: Was Mario Basler und andere kritisieren, damit haben sie nicht unrecht. Das Problem ist vor allem, dass uns Stützpunkttrainern inzwischen alles vom DFB diktiert wird und wir kaum noch Freiheiten haben. Wir bekommen Trainingspläne, die für jeden Tag bis ins kleinste Detail vorschreiben, was trainiert werden muss. Das geht so weit, wann mit welchem Fuß welche Schussübungen zu machen sind. Wir sind inzwischen alle sehr unzufrieden. Denn so wird uns die Möglichkeit genommen, jeden Spieler individuell zu fördern – so wie das noch zu Beginn des Stützpunktkonzepts möglich war. Damals wurde auch noch mehr gespielt. Aber der DFB will das nicht. Stattdessen heißt es: trainieren, trainieren, trainieren!
Mehmet Scholl sprach vor einiger Zeit von den „Laptop-Trainern“...
Wanninger: Das betrifft auch uns Stützpunkttrainer. Vor 15 Jahren hat man uns zum Beispiel einfach noch geglaubt, ob alle beim Training waren oder nicht und was gemacht wurde. Inzwischen müssen wir alles dokumentieren, jede Trainingseinheit festhalten. Wir Trainer haben mehr Arbeit mit der Datenbank als mit dem Training selbst. Und die Kinder sind heute total gläsern, damit ja nicht von der Norm abgewichen wird. Alles wird in Bahnen gepresst, die Spieler in Zwangsjacken gesteckt, anstatt die Talente laufen zu lassen und ihre Individualität zu fördern.
In Deutschland haben wir ein Überangebot an hochklassigen Mittelfeldspielern, die aus den DFB-Stützpunkten hervorgehen. Und an Außenstürmern und der „falschen Neun“ mangelt es uns ganz sicher nicht. Aber wo bleibt die klassische Neun?
Wanninger: Es gibt sie nicht mehr. Wir bilden Sechser, Achter, Innenverteidiger aus, aber der Mittelstürmer kommt in den Trainingsprogrammen des DFB schlicht und einfach nicht mehr vor. Daran müssen wir dringend etwas ändern. Hätten wir Timo Werner und Julian Brandt außen und dazwischen einen echten Mittelstürmer gehabt, hätten wir Südkorea sicher klar besiegt. Andere Länder, wie England mit Harry Kane, haben erkannt, dass man diesen Spielertypen braucht – ebenso wie gute Standards –, um massive Defensivverbünde zu knacken. Ansonsten läuft man zumeist wie beim Handball um den Kreis herum. Dann ist es ja schön, wenn man wie „Rückpass-Toni“ 300 Pässe pro Spiel spielt – aber es bringt eben nichts.

Das ganze Interview in der Dienstagsausgabe der DZ und im E-Paper.

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