Massentierhaltung
Ahauser Landwirte mästen schnell und langsam wachsende Hühnerrassen

Alstätte -

Wenn Schlachttiere länger wachsen dürfen, sind sie gesünder. Deshalb mästet eine Familie in Ahaus seit wenigen Jahren auch langsam wachsende Hähnchen der Rasse Hubbard - allerdings nur für den niederländischen Markt.

Sonntag, 24.06.2018, 13:25 Uhr

Massentierhaltung: Ahauser Landwirte mästen schnell und langsam wachsende Hühnerrassen
Sehr zufrieden sind Hermann-Josef Gerwing-Gerwer und sein Sohn Tobias mit dem Mästen der langsam wachsenden Hähnchen. Foto: Rupert Joemann

Am Donnerstag informierten sich Vertreter des NRW-Landwirtschaftsministeriums, Landrat Dr. Kai Zwicker und Dr. Elisabeth Schwenzow (Vorstandsmitglied des Kreises Borken) auf dem Hof im Gerwinghook über die Unterschiede von schnell wachsenden Rassen und die Vermarktung zwischen Deutschland und den Niederlanden.

Die Gerwing-Gerwers mästen sowohl schnell als auch langsam wachsende Hähnchen. Für jede Rasse gibt es einen eigenen Stall. Im Gebäude mit den schnell wachsenden Tieren für den deutschen Markt werden anfangs 40.000 Tiere gehalten. Wenn diese ein Gewicht von 1700 bis 1800 Gramm haben, werden 30 Prozent herausgenommen und geschlachtet (Grillhähnchen). Die anderen bleiben bis zu einer Mastlänge von etwa 36 Tagen.

Einen "Wintergarten" und 20 Tage mehr zu leben

Nur gut 12.000 Tiere befinden sich im Stall mit den langsam wachsenden Hähnchen. Sie haben zudem über einen überdachten „Wintergarten“ eine Auslaufmöglichkeit und bleiben alle 56 Tage im Stall.

Ein weiterer deutlicher Unterschied besteht in der Anzahl je Quadratmeter. Sind es bei den langsam wachsenden Tieren zwölf Hähnchen, müssen sich bei den schnell wachsenden 23 einen Quadratmeter Fläche teilen.

Weniger Einsatz von Antibiotika

Eine Abweichung gibt es auch im Einsatz von Antibiotika. Bei den langsam wachsenden Masthähnchen mussten die Alstätter seit Ende 2015 erst zwei Mal diese Medikamente einsetzen, wie Tobias Gerwing-Gerwer betont. Bei den schnell wachsenden Tieren müssten die Substanzen öfter eingesetzt werden, aber auch nur dann, wenn ein Teil der Tiere erkrankt sei. Betroffene Tiere würden von Hand aussortiert.

Der Prozentsatz des Verlusts an Tieren unterscheidet sich ebenfalls deutlich. „In der ersten Woche sind es bei beiden etwa ein Prozent“, sagt Tobias Gerwing-Gerwer. Später gehen die Werte besonders auseinander. Bei den schnell wachsenden Tieren sind es insgesamt etwa drei Prozent, bei den langsam wachsenden Masthähnchen zwischen 1,25 und 1,5 Prozent.

Die langsam wachsenden Tiere stehen viel höher und sind aufgeweckter.

Amtstierärztin Maike Eismann

Auswirkungen auf den Körperbau

„Die langsam wachsenden Tiere stehen viel höher und sind aufgeweckter“, beschreibt Amtstierärztin Maike Eismann Unterschiede in der Verhaltensweise der beiden Rassen. Die schnell wachsenden Masthähnchen stünden leicht nach vorne gebeugt, so die Expertin. „Das sind Top-Sprinter“, fügt Tobias Gerwing-Gerwer hinzu. Die Züchtung auf ein schnelles Wachstum habe Auswirkungen auf den Körperbau. Ein Hochleistungssportler sei auch nicht in der Lage, seine Leistung über sehr viele Jahre zu bringen, so Gerwing-Gerwer.

Maike Eismann lobt den Zustand der Tiere in beiden Ställen. Die trockenen Böden seien vorbildlich, so die Amtstierärztin. Dadurch sinkt das Risiko, dass die Masthähnchen sich durch die tierischen Ausscheidungen und über kleine Fußverletzungen mit Krankheitserregern anstecken.

Langsam wachsende Tiere "angenehmer"

Auch mit den Füßen der Tiere ist Eismann sehr zufrieden. Ebenfalls ein Indiz für den guten Boden und die gute Haltung. „Drei bis vier Zentimeter ist der Untergrund dick“, erklärt Tobias Gerwing-Gerwer. Jeden Tag gehe er morgens und abends durch die Ställe.

Am liebsten würde der Alstätter nur mit den langsam wachsenden Tieren arbeiten. „Das ist angenehmer“, so seine Erfahrung. Jedoch müsse auch die Wirtschaftlichkeit betrachtet werden. Grundsätzlich würden dabei aber ähnliche Erträge erwirtschaftet.

Instinktives Ausweichen auf Billigware

Die Wahlmöglichkeit der Verbraucher im Supermarkt bremst den Tierschutz.

Dr. Albert Groeteveld

Dr. Albert Groeteveld redet nicht lange um den heißen Brei herum: „Die Wahlmöglichkeit der Verbraucher im Supermarkt bremst den Tierschutz."

Für den Erfolg von Produkten aus Haltungen mit mehr Tierwohl müsse der Handel die Wahlmöglichkeit der Verbraucher verhindern, um ein „instinktives Ausweichen auf Billigware aus konventioneller Haltung zu vermeiden“, so der Fachbereichsleiter Tiere und Lebensmittel beim Kreis.

Vorbild Niederlande

Ein gutes Beispiel, wie es gehen könnte, sind aus seiner Sicht die Niederlande. Dort seien Hähnchen als Frischfleisch nur noch mit einem Mindeststandard erhältlich. Die unterste Qualitätsstufe sei aus dem Frischfleisch-Markt der Lebensmittelmärkte komplett verschwunden. In weiterverarbeiteten Produkten (z. B. Fast-Food-Ketten) und für den Export dürfen sie allerdings verwendet werden. Die Familie Gerwing-Gerwer mästet Hähnchen für das höherwertige Beter Leven (Ein-Stern).

Der Ausschluss der untersten Qualitätsstufe erfolgte von den Lebensmittelmärkten nicht ganz freiwillig. Die Tierschutzbewegung Wakker Dier startete 2008 eine Kampagne, inklusive Werbespots im Fernsehen, gegen die Lebensmittel-Kette Albert Heijn. Die Masthähnchen der untersten Qualitätstufe wurden als Plofkip (Explosionshähnchen) bezeichnet. Albert Heijn beugte sich dem Druck und nahm die Produkte aus den Regalen, später folgten die anderen Händler. Ein staatliches Eingreifen hat es nicht gegeben.

Tierwohl steigert die Kosten

Aus Sicht von Albert Groeteveld steht fest, dass ein besseres Tierwohl sowohl die Kosten für die Tierhaltung als auch für das Endprodukt erhöhe. Das Problem sei, so Groeteveld, dass der Verbraucher zwar sage, er wolle ein Mehr an Tierwohl, im Geschäft allerdings das billigere Produkt wähle. Er ist davon überzeugt, dass die Mast von langsam wachsenden Hähnchen bei einer moderaten Preissteigerung möglich sei.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) will eine dreistufige Tierwohl-Kennzeichnung einführen. Die Kriterien dafür sind noch nicht bekannt.

Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5845242?categorypath=%2F2%2F62%2F798625%2F819239%2F
Nachrichten-Ticker