Internationaler Aktionstag
Gespräch mit Logopädin: Eine Stimme für die Stimme

Gronau -

Erststimme, Zweitstimme – wer über diese Ausdrucksfähigkeit verfügt, kann sich glücklich schätzen. Im doppelten Sinne. Weniger Grund zum Lachen haben diejenigen, die ihre Stimme aufgrund von körperlicher oder seelischer Beeinträchtigung abgeben müssen.

Montag, 16.04.2018, 08:00 Uhr

Die menschliche Stimme ist das wichtigste Kommunikationsmittel des Menschen, weiß Logopädin Andrea Hillekamp. Sie hilft Patienten mit Stimmstörungen, ihre Stimme wiederzufinden.
Die menschliche Stimme ist das wichtigste Kommunikationsmittel des Menschen, weiß Logopädin Andrea Hillekamp. Sie hilft Patienten mit Stimmstörungen, ihre Stimme wiederzufinden. Foto: Susanne Menzel

Es ist die Stimme des Volkes, mit deren Macht schon Revolutionen in Gang gesetzt wurden. Es ist die Stimme des Herzens, die sich auf dem Spielplatz der Emotionen als Anführer austobt. Die Stimme: Mittel zum Zweck, Waffe, Netzwerk. Netzwerk? Ja, denn entgegen der vielfach verbreiteten Meinung, die Stimme sei ein Organ („Du hast aber ein lautes Organ.“), ist es in Wirklichkeit gar keines. Die Stimme ist ein Netzwerk, das sich einer Reihe von Körperteilen und Organen bedient, um zu funktionieren. Aber das gleitet jetzt schon sehr ins Medizinische ab . . .

Die menschliche Stimme hat mit dem Schicksal zu kämpfen, eigentlich immer erst dann wahrgenommen zu werden, wenn sie mal versagt. Wenn man die Stimme nicht mehr erheben kann, wenn weder Ärger noch Freude in ihr mitschwingen. Der Mensch ist verstimmt, ist plötzlich sprachlos. Der Stimme eine Stimme zu geben, auch wenn mit der Stimmlage alles im grünen Bereich ist, war nicht zuletzt 1999 Anlass für amerikanische wie europäische Hals-Nasen-Ohren-Ärzte und Logopäden, das wichtige Kommunikationswerkzeug mit einem eigenen Aktionstag stärker in den Fokus zu rücken. Seitdem wurde der 16. April zum „internationalen Tag der Stimme“ erklärt.

Erststimme, Zweitstimme – wer über diese Ausdrucksfähigkeit verfügt, kann sich glücklich schätzen. Im doppelten Sinne. Weniger Grund zum Lachen haben diejenigen, die ihre Stimme aufgrund von körperlicher oder seelischer Beeinträchtigung (oft glücklicherweise nur vorübergehend) abgeben müssen. „Das ist dann manchmal ein mühsamer Weg wieder zurück zur Normalität, in der man sich durch die Stimme Gehör verschaffen kann“, weiß Logopädin Andrea Hillekamp. Die 54-Jährige arbeitet in ihrer eigenen Praxis (sowie auch bei Hausbesuchen) seit mehr als 21 Jahren mit Kindern wie auch mit Erwachsenen daran, ihnen unter anderem wieder eine Stimme zu geben.

Während bei Kindern häufig Sprachentwicklungsstörungen der Grund sind, warum sie von einem Facharzt zu ihr geschickt werden, stehen bei den erwachsenen Patienten organische oder funktionale Störungen als Diagnose auf der Überweisung, die Andrea Hillekamp „befunden“ soll. Heißt: Sie geht gemeinsam mit dem Patienten der Ursache auf den Grund, erstellt mit ihm einen Therapieplan, „gibt ihnen Anleitung, wie die Patienten damit arbeiten sollen“, beschreibt die Gronauerin ihr Tätigkeitsfeld.

„Wege dorthin gibt es viele. Sie sind genauso individuell wie die Ursachen“, sagt die Fachfrau. Bei dem einen ist es die Folge einer Erkrankung, bei dem anderen ist eine falsche Belastung der Stimme der Auslöser. Oder negative Dauerstimmungen, Depressionen, bahnen sich über die Stimmlippen ihren Weg und lassen den Menschen verstummen.

„Atmung, Körperhaltung, Körperspannung, Artikulation sowie körperliche und seelische Haltung bilden eine Einheit“, versucht Andrea Hillekamp ihren Patienten dann klarzumachen. Jede einzelne Facette muss in den Blick genommen werden, um die Gesamtharmonie wieder herzustellen. „Eine körpergerechte physiologische Atmung beispielsweise ist ganz wichtig für eine belastbare Stimme“, betont Andrea Hillekamp. Und Stimmhygiene. Spätestens an dieser Stelle wird so mancher stutzen: Stimmhygiene? „Es gibt einige Verhaltensregeln, um die Stimme zu schonen, zu schulen und zu stärken“, erklärt die Logopädin. Einfache Merkmale – wenn man sie denn kennt: möglichst wenig schreien; wenn die Stimme heiser ist oder krächzt, daheim für ausreichend Luftfeuchtigkeit in den Räumen sorgen; nicht so schnell sprechen oder auch zurückhaltend mit alkoholischen Getränken, stark gewürzten Speisen und natürlich dem Rauchen sein.

„Die Stimme ist ein interessantes Medium, an dem man viel erkennen kann. Die manchmal auch über Sympathie oder Antipathie entscheidet“, unterstreicht Hillekamp: „An der Stimme kann ich zum Teil die Stimmungslage eines Patienten erkennen. Ich weiß, ob er/sie traurig, frustriert, fröhlich, aufgedreht oder verärgert ist.“ So nimmt auch jeder Mensch seine eigene Stimme anders wahr als die Außenwelt, ist deshalb oft überrascht, wenn er sie plötzlich als Bandaufnahme abgespielt bekommt. „Das hat damit zu tun, dass man sich selbst beim Sprechen von außen wie auch von innen hört. Bei einer Bandaufnahme nimmt man die Stimme nur von außen, über das Ohr, wahr.“

Die Stimme, ein Instrument also, dem man im Alltag mehr Aufmerksamkeit widmen sollte, als nur an einem Tag im Jahr. Und sei es, dass man hin und wieder einfach mal auf die Stimme der Vernunft hört.

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