Fr., 19.05.2017

Distanzierte Neugierde Bloggerin hat Priester aus Münster ein Jahr lang begleitet

Valerie Schönian und Franziskus von Boeselager sagen über ihr gemeinsames Jahr voller Widersprüche und Gemeinsamkeiten: „Wir haben immer einen Weg gefunden, wieder miteinander zu sprechen,“

Valerie Schönian und Franziskus von Boeselager sagen über ihr gemeinsames Jahr voller Widersprüche und Gemeinsamkeiten: „Wir haben immer einen Weg gefunden, wieder miteinander zu sprechen,“ Foto: Wilfried Gerharz

Münster - 

Es war der Moment, in dem die 26-jährige, angeblich linke, kirchenferne und feministische Journalistin aus Berlin der 102-jährigen Frau aus Münster versicherte, dass sie ihre verstorbenen Geschwister wiedersehen würde. Da war für Kaplan Franziskus von Boeselager klar, dass das Jahr mit Valerie Schönian seine Spuren hinterlassen hat. Bei ihm. Und bei Valerie Schönian.

Von Stefan Werding

An diesem Freitag endet das Projekt. Ein Jahr lang hat ihn die Journalistin begleitet – alle zwei Wochen stand sie wieder vor der Tür des Priesterhauses in Münster-Roxel, um mitzuerleben, wie ein Priester lebt, quartierte sich dafür in einem Hotel in Münster ohne WLAN ein, ließ dafür ihr Leben in Berlin-Moabit allein, um über einen katholischen Priester zu schreiben. Herausgekommen sind Texte, die eine distanzierte Neugierde auf den Priester zeigen.

Sie fand das Konzept, „zwei Menschen aus zwei Welten zusammenzustecken, irre“. Da es ein Privileg für Journalisten sei, sich ein Jahr lang mit einem Menschen beschäftigen zu können, „habe ich überhaupt nicht gezögert, zuzusagen“.

Eine Agentur hatte das Projekt für die Bischofskonferenz entworfen. dabei eine Person gesucht, die sich von einem katholischen Priester möglichst stark unterscheidet. Heraus kam eine Berlinerin, „kirchenfern, links und feministisch“. Ein Freund, der in der Agentur arbeitet, rief sie an und sagte: „Das bist doch du.“ Sie war sich da nicht so sicher, sagte aber zu – auch weil es keine Tabus, aber zwei Bedingungen gab: Sie musste ein Jahr durch- und das Gespräch mit dem Priester am Laufen halten.

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Der Blog „Valerie und der Priester“ erreicht in den sozialen Medien regelmäßig etwa 1300 Leser pro Tag. Auf Facebook haben ihn 14.000 Personen abonniert. Die Zahl der erreichten Nutzer in Sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und YouTube liegt laut Bistum bei bis zu einer Million im Monat. Bis zum nächsten Frühjahr soll daraus ein Buch entstehen. Michael Maas, Leiter des Zentrums der Berufungspastoral, bezeichnet „Valerie und der Priester“ als „unglaublich erfolgreich“ – und das nicht nur wegen der hohen Zugriffszahlen: „Die Leser setzen sich auch inhaltlich sehr damit auseinander. Sie klicken das nicht nur an, sondern gelangen in die Tiefe.“

www.valerie-und-der-priester.de

Am Anfang hat Valerie Schönian beim Friedensgruß noch ihren Namen gesagt, weil sie es nicht besser wusste. In Gottesdiensten bleibt sie – bis heute – bewusst im Abseits. In einem Familiengottesdienst stellt sie sich nicht mit in den Kreis, weil sie nicht katholisch ist und „weil ich mich sonst beobachtet fühlen würde“.

Trotzdem sind sie und der Kaplan so etwas wie Freunde geworden, vertrauen sich und sagen sich ihre unterschiedlichen Ansichten ins Gesicht. „Wir haben es geschafft, alle Dinge zu sagen, die wir wirklich meinen,“ sagt der Kaplan. Er hat in Berlin angerufen, wenn er mit seiner Predigt nicht weiterkam, hat der Journalistin sein Tagebuch und seine Fotos der vergangenen 15 Jahre gegeben, ohne sie vorher noch mal zu sortieren. Valerie war bei seinen Eltern in Menden, von Boeselager bei ihr in Moabit.

Die beiden reden wie in einer Paarberatung. Sie wissen, dass sie sich Zeit nehmen müssen, um ungestört miteinander sprechen zu können. Die Fahrten im Auto, zwischen all denen Terminen, zu denen der 39-jährige Geistliche hetzt – reichen dafür nicht. Diese Stunden in der ohnehin schon knappen Freizeit noch freizuschaufeln war die größte Hürde – und nicht etwa die beiden Welten, aus denen sie stammen, sagen die beiden.

Trotzdem gingen sie sich auch gehörig auf die Nerven: wenn sie in einem Punkt keinen gemeinsamen Nenner fanden, wenn sie nach zwei Stunden merkten, dass sie in einem Streit über Homosexualität keine Bewegung erzielen. „Wir haben aber immer einen Weg gefunden, wieder miteinander zu sprechen“, sagt Valerie Schönian.

So weit wie erst gedacht, liegen die beiden ohnehin nicht auseinander. „Nach den Gesprächen mit Valerie würde ich sagen: Ich bin auch Feminist“, sagt von Boeselager etwa. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau sei ihm ja genauso wichtig wie der Journalistin. Laut Schönian verstehen die beiden zwar unter Gleichberechtigung noch immer verschiedene Dinge, aber über dieses Bekenntnis freut sie sich trotzdem.

Facebook-Seite "Valerie und der Priester"

Auch  bei Facebook berichtet Valerie Schönian über ihr Langzeitprojekt.

Und so kirchenfern ist Valerie Schönian auch wieder nicht, schließlich ist sie auf ein katholisches Gymnasium gegangen, auch wenn sie ab der 8. Klasse keinen einzigen Gottesdienst mehr besucht hat. Und dass beide sehr viel arbeiten, ständig zu spät kommen und einen lausigen Orientierungssinn haben, ist ihnen immer dann klar geworden, wenn sie dort landeten, wo sie nicht hinwollten.

Wir berichteten:

Valerie und der Priester: Auf den Fersen eines Geistlichen

Franziskus hat nie offen versucht, die Berlinerin zu bekehren, anders als einige Leserinnen und Leser. Sie hat begriffen, dass der Kaplan überzeugt davon ist, „nicht tiefer fallen zu können als in Gottes Hände“. Sie sieht das anders. Aber „beneidenswert“ findet sie solch einen Glauben schon.

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