Di., 18.10.2016

Der Totenzettelsammler "Ein Kulturgut, das langsam entschwindet“

Johannes Kohlstedt

Johannes Kohlstedt Foto: Schniederjürgen

Ahlen/Freckenhorst - 

Für Johannes Kohlstedt aus Ahlen ist der „Freckenhorster Herbst“ ein ganz wichtiges Datum im Kalender. „Es ist ein echter Trödelmarkt, ohne Profihändler, hier gibt es etwas, was ich immer suche – Totenzettel“, sagt der 57-Jährige. Keine Briefmarken, Bierdeckel oder Bierkrüge. Aber warum denn ausgerechnet Totenzettel?

Von Peter Schniederjürgen

Nun ist Johannes Kohlstedt seit langem aktiver Ahnenforscher. Mit Freunden und Hobbygefährten hat er sich eine ansehnliche Sammlung aufgebaut. „Zum einen enthalten besonders die alten Zettel ganz oft viele für den Ahnenforscher interessante Daten, zum anderen sehe ich darin ein Kulturgut, das langsam entschwindet“, führt der Sammler aus. Das will er unbedingt erhalten.

Kein finanzieller Sammlerwert

Die Zettel haben praktisch keinen finanziellen Sammlerwert, nur für den historisch Interessierten sind sie von Bedeutung. Kohlstedt sucht Daten, aber genauso fasziniert ihn das sich im Laufe der Jahrzehnte verändernde Aussehen. „Hier kann man den Wandel der Zeit wunderbar ablesen“, zeigt der Sammler. Eine Faustregel: Je dunkler das Papier, desto älter der Zettel.

Nach seinen Forschungen kamen die ersten dieser Erinnerungsblättchen etwa Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Damals allerdings noch als ein Privileg des Adels oder der sehr wohlhabenden Bürgerschicht.

"Ein Albtraum für jeden Gleichstellungsbeauftragten"

„Mit Beginn des 20. Jahrhunderts haben sie sich dann weiter verbreitet“, sagt Kohlstedt. Aus schwarz-weißen Blättchen mit wenigen Informationen und dafür mehr religiösen Symbolen wurden kleine Doppelkarten, die zum Teil ganze Lebensläufe beschrieben. Das hatte auch seine Tücken. „Einige sind ein Albtraum für jeden Gleichstellungsbeauftragten“, schmunzelt der Ahnenforscher, hat er doch tatsächlich nicht wenige Karten, in der Sammlung von mehr als 40.000 Zetteln, die zwar an Frauen erinnern, nicht aber an deren Namen. „Sie lauten ganz einfach ‚Witwe Heinrich Schulte’, ohne auch nur den Vornamen der Frau zu erwähnen“, wundert sich der Kenner immer wieder.

Familienbezüge aufdecken

Solche Raritäten finden sich eben nur auf Märkten wie dem in Freckenhorst. Und dazu auch immer wieder für den Ahnenforscher spannenden und interessante Gespräche. So lassen sich oft erstaunlichste Familienbezüge aufdecken. „Wer sich aber nicht von den Zetteln trennen mag, kann trotzdem helfen“, macht Johannes Kohlstedt deutlich. Denn am Samstag (19. November) trifft sich der Arbeitskreis Familienforschung im Dormitorium in Beckum. Dann scannen wir, natürlich kostenlos, die Zettel ein und die Originale können wieder mitgenommen werden“, lädt Kohlstedt ein. Wer mehr dazu wissen will oder Zettel hat, kann sich auch gern bei dem Ahlener unter ✆ 0 23 82 / 8 11 20 melden. „Ich habe auch schon Briefe mit Totenzetteln bekommen die an den Totenzettelsammler in Ahlen adressiert waren, ohne Straße und Postleitzahl“, wundert er sich noch immer.

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