Di., 18.10.2016

Zuflucht in Dülmen Junger Afghane lebt als Pflegekind bei Familie Basten

Christiane und Michael Basten mit ihrem Pflegesohn Zaman, der nicht in der Zeitung erkennbar sein darf.

Christiane und Michael Basten mit ihrem Pflegesohn Zaman, der nicht in der Zeitung erkennbar sein darf. Foto: Jürgen Peperhowe

Dülmen - 

Als Christiane Basten letztens mit ihrem Pflegesohn tanken war, flüsterte ihr die Kassiererin zu, dass sie gut auf ihre Handtasche aufpassen soll. Die Dülmenerin wusste nicht warum. Bis sie begriff, dass die Angestellte ihren Pflegesohn für einen möglichen Dieb hielt.

Von Stefan Werding

Zaman kommt aus Afghanistan. Und er hätte schön häufiger die Gelegenheit gehabt, die Familie Basten zu bestehlen. Seit dem 29. Juli wohnt der 16-Jährige in ihrem Haus, zwischen Spielstraßen und gepflegten Vorgärten, in Häusern mit Klavier und voller Bücher. Weggenommen hat er dort nichts. Ganz im Gegenteil: „Das Leben mit Zaman ist eine Bereicherung“, sagen die Bastens.

Die beiden kamen ins Grübeln, als sie im Urlaub auf der griechischen Insel Lesbos die Boote mit den Flüchtlingen sahen. Sie dachten an die Töchter, die selbst im Ausland Unterschlupf gefunden hatten, und die Kinderzimmer, die zu Hause leer stehen. Später lasen sie einen Aufruf der Westfälischen Pflegefamilien, die Unterstützung brauchten. Dort meldeten sie sich.

Von den denkbaren Missverständnissen etwa über die Rolle der Frau haben sie bislang noch nicht viel gespürt. Die Beziehung zwischen Zaman und ihren drei Töchtern nehmen die Pflegeeltern jetzt schon als „geschwisterlich“ wahr.

70 Tage auf der Flucht

Zaman und sein Cousin wurden von ihren Familien aus dem Hindukusch nach Europa geschickt. Die Taliban sehen seinen Vater als Feind, weil er für die Regierung arbeitet, den Sohn wollten sie zum Dienst an der Waffe zwingen. Mit einem einfachen „Nein“ ist es in solchen Fällen nicht getan, darum machte er sich auf die Flucht.

70 Tage zu Fuß und in Autos, vermutlich über den Iran und die Balkan-Route. So genau weiß der Jugendliche das nicht, weil in den sechs Jahren, die der 14-Jährige bislang zur Schule gegangen ist, Erdkunde keine Rolle gespielt hat.

Von den unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen (UMFs) landet nur ein kleiner Teil in einer Pflegefamilie. Viele leben zusammen in Wohngruppen in Kinderheimen oder in einer Brückeneinrichtung wie dem St. Josefshaus in Seppenrade. Ein kleiner Teil kommt bei Onkels und Tanten unter.

Neue Lebensplanung

Jugendhilfereinrichtungen versuchen herauszufinden, was für die Jungen am besten ist. „Was braucht er? Was ist während der Flucht alles passiert“, erklärt Gisela Witte-Korte, Beraterin der Westfälischen Pflegefamilien. 17-Jährige, die ohnehin bald volljährig werden, landen selten in einer Pflegefamilie – zumal viele aus einer Kultur stammen, in der man mit 13 oder 14 schon als Mann gilt. „Sie kommen nach Europa, um hier Geld zu verdienen und haben in ihrer Lebensplanung nicht drin, noch mal zur Schule zu gehen“, sagt sie.

Zaman wohl. Und dass der 14-Jährige keinen lauen Lenz schiebt, dafür sorgt seine Pflegemutter. Zurzeit geht er in eine internationale Förderklasse der Kardinal-von-Galen-Schule. Dazu zwei Mal die Woche Nachhilfe in Mathe. Die 55-Jährige würde sich wünschen, dass Zaman noch mehr Hausaufgaben aufbekommt. „Es kann doch nicht sein, dass er nach fünf Minuten mit allem fertig ist“, sagt die Diplom-Psychologin.

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Immerhin hat er inzwischen die lateinischen Schriftzeichen gelernt, vorsichtig tastet er sich an die deutsche Sprache heran. Das Gespräch ist immer noch mühsam, vieles geht im Miteinander verloren. „Wir wiederholen ganz viel und sprechen ganz langsam“, sagt der Agraringenieur Michael Basten.

Die Sprachprobleme machen auch den Kontakt zu deutschen Gleichaltrigen schwierig. „Wenn auf dem Land Jugendliche über Jahre zusammen gelebt haben, bedarf es Ausdauer und Selbstbewusstsein, um Kontakt zu finden, sagt Witte-Korte. Zaman kann zwar Kricket. Damit hat man vielleicht beim Minigolf ein paar Vorteile, beim Fußball dagegen wird es schwer.

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