Do., 21.01.2016

Älteste Glockengießergrube Deutschlands entdeckt Sensationsfund am Rathaus

Älteste Glockengießergrube Deutschlands entdeckt : Sensationsfund am Rathaus

Die Glockengussgrube präsentierten die Archäologen und LWL-Vertreter um Grabungsleiter Dr. Gerard Jentgens (l.) und LWL-Referatsleiter Dr. Hans-Werner Peine (3.v.r.) den Vertretern von Stadt und Kirchengemeinde St. Viktor. Foto: Regina Machhaus, Jentgens & Partner Archäologie

Dülmen. Schwarze Holzkohle, roter Lehm, grünliche Bronzereste, Fragmente von Keramik und Tiegeln: Auf den ersten Blick sieht die Grube mitten im Dülmener Stadtkern für den Laien wenig spektakulär aus. Was die Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) jedoch daraus lesen können, ist bemerkenswert. Nach ersten naturwissenschaftlichen Analysen handelt es sich um die älteste Grube in Deutschland, in der eine Kirchenglocke gegossen wurde. Die bisherigen archäologischen Belege zeigen, dass die Grube im achten oder neunten Jahrhundert entstand und damit rund 1200 Jahre alt ist. Damit zählt sie auch zu den ältesten Glockengießergruben des Kontinents.

Mithilfe der Holzkohle kann anhand der Zerfallszeit der Kohlenstoffatome das Alter genau bestimmt werden. Weitere Untersuchungen werden zeigen, ob die Dülmener Glockengießergrube vielleicht sogar die älteste in Europa ist. Grabungsleiter Dr. Gerard Jentgens schließt das nicht aus: „Es gibt in Ungarn und England jeweils nur einen vergleichbar frühen Befund“, so der Archäologe.

Die Glockengießergrube kam im Zuge von Ausgrabungen zum Vorschein, die im Vorfeld der Errichtung des Intergenerativen Zentrums (IGZ) seit 2015 durchgeführt werden. Sie betreffen die Keimzelle des seit 889 erstmals belegten Weilers Dülmen. Ein 1137 erwähnter Haupthof des Bischofs von Münster wird von Historikern nördlich der Baumaßnahme lokalisiert, südlich davon befindet sich die Pfarrkirche St. Viktor. Die Ursprünge Dülmens waren bislang viel diskutiert.

Mancher Forscher vermutet neben den im neunten Jahrhundert erwähnten Höfen auch eine „Urpfarrei“ um 800. Andere plädieren für eine Kirchengründung im 11. Jahrhundert und beziehen sich auf ein Weihedatum von 1074. Die neue Entdeckung der Archäologen gibt hier nun erstmals eine eindeutige Antwort.

Die Stadt Dülmen und die Kirchengemeinde St. Viktor zeigten sich begeistert von den aktuellen Ausgrabungsergebnissen, so eine Mitteilung des LWL. „Es ist beeindruckend, was diese für den Laien so unscheinbar wirkenden Steine und Formen im Erdboden über die Geschichte unserer Stadt verraten“, kommentiert Bürgermeisterin Lisa Stremlau. Auch Pfarrdechant Markus Trautmann ist beeindruckt: „Es geht einem schon nahe, den allerersten Spuren der Christianisierung des Münsterlandes hier in Dülmen buchstäblich und materiell zu begegnen.“ Später wurde die Glockengussgrube für eine Buntmetallwerkstatt des bischöflichen Haupthofes genutzt.

Die aktuellen Ausgrabungen beleuchten auch jüngere Epochen der Dülmener Stadtgeschichte. So sind Häuser, Wege und Brunnen aus der mittelalterlichen und neuzeitlichen Stadt östlich von Rathaus und Markt zutage gekommen. Darunter auch der an der Kirche gelegene Friedhofsbereich. Vielen Bestatteten des 18. und 19. Jahrhunderts sind unter anderem Totenkronen mit ins Grab gegeben worden. Sie ahmen Brautkronen nach, indem sie mit Perlen, kleinen Spiegelscheiben und bunten Stoffen geschmückt sind. Diese Kronen sind in Westfalen bisher äußerst selten und beleuchten die Konfessionalisierung des Bestattungswesens nach der Reformation.

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